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chmul

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Selbst wenn man nur hin und wieder eine meiner Leidensgeschichten gelesen hat, ist die Chance groß, dass darin Tiere eine gewichtige Rolle spielen. Und das ist einigermaßen überraschend, wenn man mich kennt. Also von früher her kennt, meine ich. Früher war ich nämlich nie mit Tieren konfrontiert.

OK, im Freibad bin ich natürlich immer mal wieder auf eine Biene gestanden, ich habe unzählige Mücken erschlagen und einer meiner besten Freunde hatte ein Aquarium. Tatsächlich hatten wir in der Familie auch mal einen Hasen. Wie sehr ich aber mit diesem "Haustier" verbunden war lässt sich daran erkennen, dass der Hase eines Tages "entlaufen" war und ich - im Gegensatz zu meiner Schwester - keinerlei Zusammenhang damit herstellte, als es kurze Zeit später einen Hasenbraten gab. Hat gut geschmeckt, danke Hase!

Ein Psychologe mag Bindungsunfähigkeit und oder Verlustangst als Grund nennen, weshalb ich mir nie ein Haustier gewünscht habe, ich vermute, es ist einfach Desinteresse. Dabei ist wichtig, Desinteresse nicht mit Abneigung zu verwechseln. Ich würde nie einen Vogel in den Badewannenabfluss spülen, absichtlich auf ein Reh treten oder einen Hund mit der Fliegenklatsche erschlagen. Die Tiere und ich haben einfach ein nur ein inkongruentes Leben.

Hatten, es muss hatten heißen. Als ich nämlich vor vielen Jahren meine Frau kennenlernte, änderte sich mein Leben grundlegend. Seither bin ich achtsam und tierlieb. Das geht sogar so weit, dass ich hin und wieder abends auf der Terrasse sitze und den Vögeln, die mit müden Augen das Abendessen aus den Futterhäuschen picken, eine Gute-Nacht-Geschichte vorlese.

Das ist natürlich übertrieben. Bedauerlicherweise aber nicht annähernd so stark wie man meinen könnte. Dass ich unter Einsatz meines Lebens ebensolche Futterhäuschen aufgehängt habe, in menschenfeindlichen Stürmen mit dem Hund draußen war oder hochkomplexe Katzenkratzbäume montiert habe, nur um festzustellen, dass die Katze danach lieber mit dessen Verpackungskarton spielt, habe ich an anderer Stelle schon ausreichend beschrieben.

Aber es geht noch schlimmer!

In der TV-Serie "The Big Bang Theory" sagt die Figur "Sheldon Cooper" in Folge 14 der vierten Staffel einen Satz, der einerseits mein Lebensmotto sein könnte und andererseits Ursache unendlichen Leids meiner selbst ist: "It is called comfort zone for a reason!" oder zu Deutsch: "Man nennt es nicht ohne Grund Komfortzone!". Deshalb bleibe ich am liebsten daheim, ziehe ungern um und bevorzuge den immergleichen 5-Sterne-All-Inclusive-Club für den Urlaub.

Wer einmal gesehen hat, wie Sheldon leidet, weil er nicht auf "seinem" Platz auf dem Sofa sitzen kann und erfolglos versucht woanders bequem zu sitzen, kann sich in etwa vorstellen, wie es mir geht, wenn ich gnadenlos aus meiner Komfortzone gerissen und - um ein völlig aus der Luft gegriffenes Beispiel zu wählen - mit Tieren konfrontiert werde. Darüber hinaus habe ich übrigens keine Gemeinsamkeiten mit Sheldon. Weder was die Intelligenz oder das Körpergewicht angeht noch bezüglich der Tatsache, dass Sheldon Angst vor Hühnern hat.

Wobei ich seit einiger Zeit nachvollziehen kann, weshalb Sheldon so empfindet. Wenn ich nämlich - gefühlt zu jeder beliebigen Tageszeit - die Haustüre öffne, stürmen Hühner auf mich zu. Dabei ist wichtig zu wissen, dass ich kein Landwirt bin und unser Haus auch nicht auf einem Bauernhof wohnt. Wir leben noch nicht einmal abgelegen auf dem Land, sondern in einer Kleinstadt. Und trotzdem lauern da Hühner vor der Türe.

Glücklicherweise erkennt das Federvieh meine Überlegenheit und versucht nicht mich anzugreifen oder mir meinen Platz streitig zu machen. So einfach es ist, die Hühner zu vertreiben, wenn ich zu meinem Auto gehe, so unbekümmert picken sie über den Hof, wenn ich dann mit dem Auto wegfahren will. Manchmal habe ich den Eindruck, Sie bemerken das Fahrzeug erst, wenn sie den Kopf hochnehmen und der Kühlergrill das gesamte Blickfeld einnimmt. Dann reagieren sie aber nicht etwa mit einem aufgeschreckten Gackern, sondern mehr mit einem - so vermute ich - überraschten "Hm!?"

Geteiltes Leid ist halbes Leid, sagt man. Und es ist sicher so, dass man weniger leidet, wenn man einem verständnisvollen Mitmenschen sein Leid klagen kann. In einer empirischen Studie konnte ich aber nachweisen, dass diese Regel nicht immer greift. Eine Ausnahme dieser Regel findet sich beispielsweise im Innenverhältnis unseres Haushalts. Wenn ich die Beeinträchtigung meiner Lebensqualität durch des Nachbars Hühner in allen Einzelheiten darlege, erhalte ich nicht etwa Verständnis oder Zuspruch. Mit einem trockenen "Das meinst Du nur." wird mir nicht nur das Teilen meines Leids verwehrt. Ich muss ausserdem akzeptieren, dass es gar kein Leid gibt. Und schon ist alles wieder gut.

Ach ja, und die Erde ist eine Scheibe.

Mein Schatz mag Tiere. Mein Schatz freut sich über die Hühner. Nicht nur wegen der Eier, die mal hier mal dort auf unserem Grundstück auftauchen. Sondern auch wegen der Tatsache, dass die Hühner das Vogelfutter aufpicken, das die Vögel versehentlich (ja genau!) aus dem Futterhäuschen werfen. Ansonsten würden das nämlich andere Vögel tun und dann möglichweise den etwa acht Katzen zum Opfer fallen, die um uns herum wohnen.

In meiner Welt stünde das Futterhäuschen auf dem Boden. Mittelfristig hätte sich das Tierproblem dann nämlich komplett erledigt. Die Katzen würden die Vögel fressen, bis die Vögel sich nicht mehr zu uns trauen. Die Hühner kämen nicht, weil kein Vogelfutter mehr auf dem Boden läge und irgendwann würden auch die Katzen wegbleiben, weil keine Vögel mehr auf dem Speiseplan stehen. Die Welt könnte so einfach sein.

Ist sie aber nicht, deshalb reden wir jetzt auch noch über Igel. Eine der ersten Projekte, die meine bessere Hälfte in Angriff nahm, nachdem wir unser neues Haus bezogen hatten, war der Aufbau von Schlaf- und Futterplätzen für Igel. Während die Schlafsäle versteckt in den Ecken des Grundstücks platziert wurden, musste die Kantine auf der Terrasse aufgebaut werden. Damit man sehen kann welche Igel zum Fressen kommen und wie es um deren Gesundheit bestellt ist.

Auf der Terrasse. Also dort, wo auch die Vogelfutterhäuschen hängen. Und die Hühner die Reste aufpicken. Und die Katzen versuchen doch noch einen Vogel zu erwischen. Es ist schon fast ein bisschen wie eine Safari, wenn ich dort hinaus gehe, um beispielsweise den Bioabfall aus der Küche zu entsorgen. Und vielleicht, wenn ich nur ein klitzekleines bisschen mehr Interesse daran hätte, könnte ich auch bald wie ein Wildhüter an den Spuren im Wohnzimmer erkennen, in wessen Scheisse ich zuvor getreten bin. Vogel, Katze, Huhn oder Igel.​
 
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Hund, ich sage nur Hund. Großer Hund!
So ein Sabber-Bernhardiner auf einem Auge blind und etwas inkontinent.
Der vertreibt alle anderen Viecher zuverlässig.
Wäre das nicht was für Lynda?
 
Pssst, nicht so laut.

Amy Schumer No GIF by Saturday Night Live
 
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