Microsoft und der Privatnutzer: Eine aktuelle Bestandsaufnahme

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Microsoft und der Privatnutzer: Eine aktuelle Bestandsaufnahme

Satya Nadella, CEO von Microsoft


Wenn man das Jahr 2025 aus Sicht der Privatnutzer bei Microsoft bilanzieren müsste, kann man getrost von einem Brandbeschleuniger ausgehen. Die aktuellen Umwälzungen bei der Xbox sind nur das sichtbarste Beispiel einer Entwicklung, die sich mit dem zunehmenden Fokus auf Copilot und den zahlreichen Einstellungen von Produkten wie Skype oder Math Solver schon lange abzeichnet. Eine gute Gelegenheit also, sich mal einen allgemeinen Überblick zu verschaffen, wo der Privatnutzer bei Microsoft aktuell wirklich steht.

Eine Sache vorweg: Diesen Beitrag schreibe ich bewusst nicht aus der objektiven Sicht eines Redakteurs, sondern als der Privatnutzer und Microsoft-Enthusiast, der ich eigentlich bin. Dass ich persönlich bei mir schon seit längerer Zeit einen Kurs der Diversifizierung ausgerufen habe, ist ja allgemein bekannt. Aufgrund der aktuellen Entwicklungen möchte ich aber nochmal einen konkreteren Blick auf Microsoft werfen.

Das „neue“ Microsoft

Wenn man die Amtszeit von Satya Nadella mal rückblickend betrachtet, muss man sich neben Slogans wie „Gaming is for everyone.“, „We want the people to move from needing Windows to choosing Windows to loving Windows.“ und „We want to help every person and every organization on the planet to achieve more.“ vor allem die Rede vom „neuen“ Microsoft vor Augen führen. Es gab mal eine Zeit, wo er Microsoft wieder mehr wie ein Startup führen wollte, aber es eben seine Zeit brauchen würde, bis man den Tanker auf hoher See in eine neue Richtung gelenkt hatte. Vordergründig wurde Microsoft auch gegenüber den Consumern mit Projekten wie dem Windows Insider Program oder Open Source-Projekten wie den PowerToys tatsächlich offener.

Was es letztlich gegeben hat, war eine gelebte Sprunghaftigkeit in einem Unternehmen, was sich in seinem Streben nach absoluter Dominanz nie geändert hat. Was unter Gates und Ballmer mit Produkten wie Windows, Office und dem Internet Explorer seinen Anfang genommen hatte, ging, nachdem das Intermezzo mit Windows 10 schnell erledigt war, über zu Azure, danach zu Teams, danach zu den Entwicklern mit der Übernahme von GitHub, dann ein weiteres Corona-Intermezzo mit Windows 11, um aus dem zunehmenden Home Office kurzfristig Gewinne generieren zu können, bis man heute bei Copilot angekommen ist.

Microsoft hat sich als Unternehmen in dem Sinne nie wirklich gewandelt, das ist einfach die nüchterne Feststellung, die man aus der Sicht eines Privatnutzers treffen muss. Was in diesem Jahr allerdings wirklich eine neue Qualität hat, ist die Abrissbirne, mit der die Redmonder einmal quer durch den Consumer-Wald gezogen sind. In früheren Jahren unter Nadella wurden Consumer-Produkte wie das Microsoft Band oder der Groove Music Pass nach und nach abgebaut, nun ist das Massenabfertigung. Von den Erzählungen, die Leute wie Joe Belfiore, Terry Myerson, Panos Panay oder Bryan Roper einst auf den Events abgegeben haben, ist nichts mehr übrig, wenn man einen kleinen Bonus für Xbox-Chef Phil Spencer vielleicht mal ausklammern möchte.

Microsoft 365: Ein durchwachsenes Bild

Der Blick auf Microsoft 365 ist einer, der tatsächlich relativ schwer fällt. Während ich persönlich auf die klassischen Produkte wie Word, Excel, PowerPoint und OneNote nichts kommen lasse, gibt es andere Bereiche, die einem wirklich sauer aufstoßen müssen. Martin hat bei der Einstellung von Skype bereits einen guten Kommentar verfasst, den ich bei der Modernisierung von OneDrive bedingungslos fortschreiben könnte. Alleine wegen dem zunehmenden Fokus auf Bildern und unseren Erfahrungen mit den Kontensperrungen, die wir gerade während Corona begleiten mussten, ist es schwer, Microsoft das notwendige Vertrauen entgegen zu bringen. Auch bei anderen Produkten wie Microsoft Designer oder Clipchamp kann man durchaus ein gemischtes Bild haben, wie gut diese tatsächlich sind.

Eine verräterische Passage gibt es in einer Bloomberg-Dokumentation aus diesem Jahr, wo sich Mustafa Suleyman, der CEO von Microsoft AI, mit Moderatorin Emily Chang darüber unterhält, wie die neue Mission von Microsoft beim Consumer aussehen soll. Suleyman sieht als oberste Priorität, dass man gerade im Umfeld von Microsoft 365 auch schöne Apps entwickelt, die vor allem Leute aus der jungen Generation gerne verwenden möchten. Ich binde euch die Doku hier nochmal ein, die Passage befindet sich etwa ab Minute 30.


Die junge Generation ansprechen zu wollen, ist ein ehrenhaftes Ziel, wo man allerdings fragen muss, inwieweit Microsoft dieses wirklich verfolgt. Wenn das neue Outlook für Windows als eine dieser Entwicklungen gelten sollte, kommt das jedenfalls eher wie billiger Ramsch rüber und lässt auch bei anderen Vorhaben Fragezeichen aufkommen. Eine der Lehren aus Corona könnte zudem sein, dass die junge Generation gerne mit kompletten Produktivsystemen wie Notion oder einfachen Apps wie To-Do-Listen arbeitet. Über die entsprechenden Produkte wie Microsoft To Do oder Microsoft Loop, die genau diese Vorlieben bedienen würden, spricht man aber kaum bis gar nicht mehr.

Sicherlich ist bei weitem nicht alles schlecht, was Microsoft hier macht. Besonders bei Copilot hängt man sich rein und bei den Änderungen im Oktober sind Privatkunden von Microsoft 365 zumindest nicht schlechter weg gekommen. An dem durchwachsenen Bild, was man hier abgibt, ändert das jedoch kaum etwas.

Die Xbox als Fieberthermometer

Während die Xbox momentan die sichtbarste Disruption für die Privatnutzer ausmacht, ist dieses Vorgehen von Microsoft nicht neu, sondern hatte vor gut vier Jahren mit Windows 11 bereits eine entsprechende Blaupause. Obwohl sich Microsofts aktuelles Betriebssystem weiterentwickelt hat, ist es im Kern immer noch eine Mischung aus der Basis von Windows 10, der grundlegenden Oberfläche von Windows 10X und Anforderungen wie TPM 2.0, welche mit dem Anniversary Update von Windows 10 bereits 2016 als Option eingeführt wurden und nun verpflichtend umgesetzt werden mussten. Ähnlich wie Microsoft nach der Präsentation vom damaligen Windows-Chef Panos Panay kurzfristige Gewinne aus dem Corona-Geschäft mitnehmen wollte, geht es bei den Preisspiralen rund um die Xbox heute darum, möglichst kurzfristig die Gewinnmargen von mindestens 30 % reinzuspielen.

Martin und ich haben das bereits kommentiert, aber auch bei den internationalen Kollegen türmen sich aktuell die Sorgenfalten. Während Kollege Jez Corden bei Windows Central von „wahnsinniger Gier“ (engl. insane greed) spricht, wurden auch Paul Thurrott und Brad Sams bei einer Folge ihres Podcasts First Ring Daily in dieser Woche deutlich.


Während Paul Thurrott viele Sachen gerade um Finanzchefin Amy Hood hinterfragt, bezeichnet Brad Sams Xbox-Chef Phil Spencer als letzte Bastion, die dafür sorgt, dass in der Gaming-Division noch sowas wie eine Seele vorhanden ist. Das sind nur einige Stimmen, die ähnlich nah an Microsoft dran sind wie wir hierzulande.

Am Ende geht es aber wie immer um einfache Marktwirtschaft, die Microsofts Aktionen zweifelhaft erscheinen lassen. Wachstum wird eben nicht dadurch generiert, indem man es durch sprunghafte Preiserhöhungen abwürgt, und wenn man dann auch schlechte Softwarequalität abliefert wie bei der ROG Xbox Ally, wo ein volles Windows 11 im Hintergrund den Zwergenaufstand probt, wird man dem Tausender, der für sowas über die Ladentheke wandert, einfach nicht gerecht. Wie die 30 % ansonsten eingespielt werden sollen und ob wir hier über Dinge wie Lootboxen, Mikrotransaktionen und Werbefluten reden müssen, ist dabei noch gar nicht eingepreist.

Der Rest vom Fest

Was bei diesen beiden großen Blöcken angerissen wurde, kann man auch auf weitere Einzelprodukte von Microsoft übertragen. Visual Studio Code ist weiterhin einer der beliebtesten Code-Editoren überhaupt und hat Microsoft oft gute Rückmeldungen gebracht, aber mit dem verschärften Vorgehen gegen Forks und dem zunehmenden Vendor Lock-in als KI-Editor, der fest an GitHub angebunden ist, hat man sich nicht nur Freunde gemacht. Microsoft Rewards ist als Bonusprogramm wiederum mittlerweile weitgehend sinnlos, während Edge als Browser in den jüngeren Jahren zunehmend überfrachtet wurde. Sind nur einige zusätzliche Beispiele, die ich hier nennen möchte.

Während die aktuellen Nachrichten für diejenigen, die sich wie wir intensiv mit Microsoft beschäftigen, eigentlich nicht überraschend kommen, macht ein Punkt die aktuelle Situation eigentlich erst so richtig bitter: Microsofts notorischer Hang zur miserablen Kommunikation und zum fehlgeleiteten Marketing, was quasi zur ihrer DNA gehört und wir nicht anders kennen, hat hier wieder voll eingeschlagen. Die Ankündigung zu den Änderungen für den Game Pass ist das beste Beispiel, wo man sich fragen muss, mit was für Reaktionen man in Redmond hier eigentlich gerechnet hat, wenn sich jemand so voller Inbrunst vor die Kamera stellt und drastische Preissteigerungen so verkaufen muss.


Game Pass ist eines dieser Beispiele, wo sie das nach meiner Überzeugung besser hätten machen können, etwa wenn sie sich mehr an Netflix orientiert und einen teilweise werbefinanzierten oder gleich einen familiengebundenen Tarif eingeführt hätten.

Insgesamt festigt sich aber vor allem ein Eindruck: Auf den unteren Ebenen gibt es immer noch Leute wie Windows-Chef Pavel Davuluri, Microsoft AI-Chef Mustafa Suleyman, .NET-Chef Scott Hunter oder Xbox-Chef Phil Spencer, die weiterhin eine gute Idee davon haben, wie es in ihren Bereichen weitergehen könnte und wie genau sie dahin kommen. Dieser Geist innerhalb von Microsoft ist immer noch da. Gleichzeitig gibt es im Senior Leadership Team rund um Microsoft-Chef Satya Nadella und Finanzchefin Amy Hood diejenigen, die hier zugunsten der Anleger einen Riegel vorschieben und auf kurzfristige Gewinne pochen. Entsprechend fallen die Weisungen von oben nach unten aus.

Das ist nicht ungewöhnlich, sondern hier macht die Chefetage bei einem börsennotierten Unternehmen einfach ihren Job. Das mag einem nicht gefallen, aber so funktioniert die Wall Street. Gleichzeitig deckt es sich nunmal mit der Parole von Satya Nadella, dass Microsoft voll in Bereiche investieren wird, die für die Zukunft des Unternehmens entscheidend sind, aber Geld einsparen wird, die eher in Randbereichen liegen. Daraus entstand schließlich der Fokus auf Künstlicher Intelligenz. Nur am Ende wird sich eben zeigen, an welchem Ende man den notwendigen Preis dafür zahlen wird, und die Microsoft-Community stimmt bekanntlich nicht nur mit den Füßen ab, sondern Unternehmenskunden sind eben meistens auch Privatnutzer im gleichen Umfeld.

Schlusswort

Wie gesagt bin ich ein Microsoft-Enthusiast und schreibe den Beitrag auch aus diesem Blickwinkel. Mir geht es zwar um das Ökosystem und ich würde Microsoft gegenüber Apple und Google immer noch bevorzugen, aber ich bin nicht naiv oder renne mit der rosaroten knuffigen Fanbrille durch die Landschaft. Aber obwohl ich Microsoft-Produkte in vielen Fällen weiterhin bevorzuge, stellt sich für mich als Nutzer schon die Frage, wie es in einigen Bereichen weitergehen soll. Dass es besonders beim Thema Gaming zu Veränderungen kommen wird, zumal ich eh in einer Phase bin, wo sich Prioritäten verschieben, ist eigentlich ausgemacht.

Als Mensch bringt es mir momentan auch nicht immer Spaß, Beiträge über Microsoft zu schreiben, das kann ich an dieser Stelle auch mal ganz offen zugeben. Unabhängig davon, dass es bei anderen Entwicklern auch diverse Sachen gibt, die hier einschlagen, ist das Gefühl, dass man eigentlich oft nur eine schlechte Nachricht nach der anderen raushauen muss, nicht wirklich angenehm. Das heißt nicht, dass ich an Microsoft selbst oder meiner Mitarbeit hier zweifeln würde, aber so ein Streichkonzert und solche Umwälzungen, die gleichzeitig in so kurzer Zeit kommen, hatten wir bei Microsoft eben noch nie. Dass sie die Geschichten teilweise auch nicht ausreichend gut kommunizieren, streut dann noch zusätzliches Salz in die Wunde.

Ihr könnt ja gerne mal eure Meinung in die Kommentare schreiben, ob ihr meine aktuelle Sicht auf Microsoft teilt oder wie ihr das genau seht. Wie gesagt, ich wollte die Redmonder hier auch nicht in Grund und Boden ranten, aber eine ehrliche Bestandsaufnahme nach den vergangenen Wochen, wo man aktuell steht, muss gemacht werden. Dass sich der Kurs von Microsoft auf absehbare Zeit ändert, halte ich jedenfalls für ausgeschlossen.

Der Beitrag Microsoft und der Privatnutzer: Eine aktuelle Bestandsaufnahme erschien zuerst auf Dr. Windows.

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