Halloween spielt in meinem Leben keine Rolle.
Meine aussterbende Fanbase wird sich ob dieser einfachen Feststellung schon denken, dass damit noch nicht alles zum Thema gesagt ist. Und das stimmt. Im Gegensatz zum ersten Satz, dieses kleinen Berichts.
In meiner Teenagerzeit war Halloween für mich DER Horrorfilm überhaupt. Nachdem ich ihn mehrere Male gesehen hatte, konnte ich souverän den Beschützer geben, wenn ich die jeweilige Dame des Herzens neben mir auf dem Sofa sitzen hatte und wir Michael Myers zuschauten, wie er sich durch Haddonfield metzelt.
Irgendwann hatte ich dann aber längerfristige Beziehungen und den Film nun doch schon ausreichend oft gesehen. Deshalb war es dann vor allem Jamie Lee Curtis, die vor meinem geistigen Auge erschien, wenn Halloween erwähnt wurde. Als der Film gedreht wurde, war sie erst 19 und ihre Rolle eher bieder angelegt, aber dann kamen die "Glücksritter", "Ein Fisch namens Wanda" und "True Lies". Seither löst das Wort Halloween also vieles aus bei mir, aber sicher keinen Horror mehr.
Der Vollständigkeit halber muss ich auch noch Helloween erwähnen. Die deutsche Powermetal-Band war mit ihrem Album "Keeper Of The Seven Keys" fester Bestandteil meiner täglichen Musikdosis. Helloween schreibt sich zwar mit e, aber das hört man ja nicht, wenn man gefragt wird, was einem zu Halloween einfällt.
Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass ich bis vor Kurzem an drei Dinge dachte, wenn ich nach Halloween gefragt wurde: Den Film von 1978, Jamie Lee Curtis und die Band Helloween. Vor einigen Tagen wurde nun aber auch das Ereignis "Halloween" selbst, das vor allem in den USA eine große Sache ist, für mich zur Realität.
Und ja, ich hätte auch nein sagen können.
Aber nein, das konnte ich nicht.
Wenn man auf der Suche nach einer neuen Bleibe ist (zum Beispiel, weil die aktuelle Unterkunft abgerissen werden soll), achtet man bei der Auswahl infrage kommender Objekte in der Regel nicht nur auf die Wohnung selbst, sondern auch auf deren Lage und Umgebung. Blick ins Grüne oder vorne die Autobahn und hinten die Gleise. Am Arsch der Welt oder mitten im Leben. Gut abgeschirmt von den Nachbarn oder an Silvester anstoßen von Balkon zu Balkon.
Wir haben bis vor ein paar Monaten am Ende einer Straße auf dem "Monte Bonzo" unserer Gemeinde gewohnt. In dieser Gegend sprach man nicht miteinander, man blieb für sich, freute sich auf seinen neuen Ferrari, entspannte sich am Pool oder genoss den freien Blick auf den Rigi. Das war perfekt für mich. Kein Kontakt ist perfekt für mich. Zumal ich mich eh nicht in Gespräche hätte einbringen können, die Dr. Dr. Prof. Herzspezialist mit Floris von den Banken führen. Was weiß ich schon über Bentleys oder die Schwierigkeit gute Housekeeper zu finden.
Aber eben, unser Haus sollte abgerissen werden, weshalb wir etwas Neues suchen mussten. Und so ergab es sich, dass es vorbei war mit der süßen Einsamkeit. Die neue Wohnung lag nämlich mitten im Ort, unten beim Fußvolk. Sieht man von der Fernsicht ab, erwies sich die neue Bleibe aber durchaus als Glücksgriff.
Damals. Im März.
Heute, im November weiß ich es aber besser. "Was war geschehen?" mag sich manch ein Leser nun, ob der Spannung Fingernägel kauend, fragen. Nun, es geschah "Halloween". Nicht der Film, nicht die Band und bedauerlicherweise - wenngleich nicht ganz überraschend - auch nicht Jamie Lee Curtis. Sondern das echte Halloween! Der Horror war also zurück. Im echten Leben. Ohne Ausweg!
Als wir vor vielen Jahren noch auf unserem Berg wohnten und entrüstet den Kopf schüttelten, weil unser Nachbar schon wieder einen Sportflitzer geliefert bekommen hatte, fand in den Niederungen der Gemeinde eine kleine Helloween-Party statt. OK, so klein war sie gar nicht. Sie war sogar so groß, dass die lokalen Medien darüber berichteten. Aber nicht so groß, dass es bei mir auf dem Schirm aufgetaucht wäre. Und genau das war rückwirkend betrachtet das Problem.
Hätte ich das damals wahrgenommen, wäre das Epizentrum der Halloween-Party inklusive eines Sicherheitsabstandes für eine Wohnungssuche tabu gewesen. Sei's drum, ich wusste es nicht, ich habe keine Sperrzone ausgerufen und wir sind dort eingezogen, wo wir jetzt wohnen. Nicht ahnend, was auf uns zukommen würde.
Bis unsere neue Nachbarin eines Tages meine Frau ansprach. Sie wolle eine Neuauflage der Halloweenparty machen und deshalb fragen, ob es OK wäre, wenn auf unserem Parkplatz eine Bar und ein paar Bierzeltgarnituren aufgestellt würden.
In der Regel suche ich keinen Kontakt zu anderen Leuten. Mit Ausnahme des engsten Familien- bzw. Freundeskreises kommen Kontaktaufnahmeversuche normalerweise nicht von meiner Seite aus. Das ist einfach meine Natur. Das schlägt sich auch auf meine Art der Kommunikation nieder. Ich frage andere Menschen nicht, wie der Urlaub war, wie es Ihnen geht oder ob sie "gut gerutscht" sind. Abgesehen davon, dass mich die Antwort in der überwiegenden Zahl der Fälle tatsächlich nicht interessiert, vermeide ich so auch in längere Gespräche verwickelt zu werden.
Hätte unsere Nachbarin also mich statt meine bessere Hälfte wegen der Parkplätze gefragt, hätte ich mit einem Lächeln gesagt, dass das selbstverständlich in Ordnung gehe, wäre meines Weges gegangen und hätte für den betreffenden Zeitraum Auslandsurlaub gebucht. Mein Schatz ist aber nicht wie ich. Sie erlaubte zwar ebenfalls die Nutzung unserer Parkplätze, beließ es aber nicht dabei. Stattdessen fragte sie mit einem echten Lächeln und echter Begeisterung, ob man (Achtung: "man" heißt hier "wir" und "wir" schließt in diesem Falle mich ein) etwas helfen könne. Ja, kann man. Danke für das Angebot. "Danke." dachte ich auch als ich dann am Abend davon erfuhr. Oder besser "Na danke!"
Aber was will man machen? Der Schaden war schon angerichtet, also konnte ich mir auch anhören, was geplant war. Es sollte in einem Pavillon eine kleine Geisterbahn errichtet werden, auf dass die Kinder der Nachbarschaft ein bisschen Halloween feiern können. Für die Eltern sollte Glühwein und Grillwurst das Warten erträglicher machen. Klingt übersichtlich.
Ich bin so naiv.
Es wäre nett, wenn ich eine Schicht am Grill übernehmen könne, meinte mein Liebling dann. Außerdem würden wir beim Aufbau der Geisterbahn helfen. Ach ja, und unser Haus und unser Garten würden wir auch noch passend zum Thema dekorieren.
Für den Durchschnittsmenschen klingt das noch immer nicht nach dem Drama, das sich vor meinem inneren Auge manifestierte, aber es ist schon ein großer Unterschied, ob ich meinen Parkplatz zur nicht automobilen Nutzung freigebe und in die Ferien fahre oder ob ich mit fremden Menschen Grillwürste an fremde Menschen verkaufe, nachdem ich stundenlang mit fremden Menschen aus einem großen Pavillon eine Geisterbahn gemacht habe. Aber, wir (?) hatten halt schon zugesagt. Und wer weiß, vielleicht beantrage ich doch mal irgendwann die schweizerische Staatsbürgerschaft und kann dann meine Integration in der Gemeinde mit meinem Engagement in meiner Nachbarschaft zum Wohle der Quartierskinder belegen.
Stellt Euch mal eine Staumauer in einem Katastrophenfilm vor. Am Anfang ist noch alles friedlich, dann tauchen einige wenige Risse auf, durch die ein bisschen Wasser spritzt und kurze Zeit später bricht die Staumauer und die Wassermassen ergießen sich ins Tal. So ähnlich ist es auch mit sozialen Kontakten in der Nachbarschaft. Erst ist noch alles friedlich, dann gibt man seinen Parkplatz frei und plötzlich stehen fremde Menschen auf Deinem Balkon und versuchen die richtige Position für einen Beamer zu finden, damit zur Halloweenparty tanzende Skelette zu sehen sind. Gerade als ich mich gemütlich zum Essen und Netflixen auf das Sofa gesetzt hatte.
Mein Schatz dekoriert gerne, deshalb war die Aufgabe, unser kleines Häuschen in ein Gruselhaus zu verwandeln ein gefundenes Fressen für sie. Ich will ja nicht behaupten, dass sie bezüglich Halloween übertrieben hätte, aber ich hatte das Gefühl, dass die Paketdienste zusätzliche Fahrer eingestellt haben, um das ganze Zeug anzuliefern, das in der Folge im, am und ums Haus aufgestellt oder angebracht werden sollte. Eine weitere Aktivität, in die ich verwickelt wurde, nur weil mein Liebling nicht so asozial ist, wie sie sein sollte.
Aber sei's drum, irgendwann waren die Vorarbeiten erledigt. Die Geisterbahn war bezogen auf nur 6 x 6 Meter Grundfläche äußerst gut gelungen und unser Haus ein echter Hingucker. Die Leute kamen, die Kinder hatten Spaß und mit Glühwein und Grillwurst hätte ich den Abend fast genießen können, wären da nicht Leute gewesen, die ob unserer Deko den Eindruck hatten, dass es IM Haus auch noch etwas zu sehen gäbe. Mangels "Kein Zutritt"-Schild musste ich permanent unsere Haustüre im Auge behalten.
Wobei, ließen sich Menschen durch Warnschilder davon abhalten verlassene Wege zu begehen, dunkle Tunnel zu erforschen oder eben gruselige Häuser zu betreten, gäbe es deutlich weniger dramatische Filmszenen.
So weit, so gar nicht mal so schlecht. Könnte man denken, wenn man nicht wüsste …
Nach der Party ist nämlich vor dem Aufräumen. Glücklicherweise war die Veranstaltung überwiegend für die kleineren Kinder gedacht und damit schon recht früh zu Ende. Als ich dann aber nach getaner Arbeit auf dem Sofa endlich entspannen wollte, klingelte es an der Türe. Um 22:00 Uhr! Draußen standen zwei - geschätzt 16-jährige - Mädchen die mir ein scheues "Süßes oder Saures" entgegenflüsterten. Gerade so, als seien sie sich nicht ganz sicher, ob sie das mit Halloween überhaupt richtig verstanden hatten.
So kann ich nicht arbeiten. Wenn ich mit diesem neumodischen Halloween-Brauch nicht vertraut wäre, wüsste ich noch nicht einmal, ob es sich bei "Süßes oder Saures" um eine Frage oder eine Aussage (oder gar eine Drohung) handelt. Vielleicht waren die zwei von den Zeugen Jehovas und wollten eine neue Strategie ausprobieren, um ins Gespräch zu kommen.
Wäre ich vom Hausbewachungsdienst nicht so erschöpft gewesen, hätte ich vermutlich mit "Ich nehme gerne etwas Saures, vielleicht Essiggurken?" gesagt und hätte mich an den verwirrten Gesichtern ergötzt. So aber brachte ich mein Bedauern darüber zum Ausdruck, dass die furchtbaren Kinder schon wie die Heuschrecken über uns hergefallen seien, nicht Süßes mehr übrig sei und ich höchstens noch ein paar Stücke trockenen Brotes auftreiben könne, falls sie eine Stärkung für den Heimweg bräuchten.
Ein paar Tage später war der - Achtung Wortspiel - Spuk dann auch wieder vorbei. Die letzten Fake-Spinnweben aus den rauen Holzbrettern der Fassade waren entfernt, die Geisterbahn abgebaut und die gruseligen Gestalten in Kartons verpackt. Sehr gut.
Ich rufe Euch nochmals in Erinnerung, dass man nach dem "Natürlich könnt Ihr unseren Parkplatz benutzen!" einfach hätte weitergehen können. Was ob der beschriebenen Fehlentscheidung dann passiert ist, sollte jedem eine Lehre sein. Jedem außer meinem Liebling, offensichtlich. Belauschte ich doch kurze Zeit später, wie mein Schatz mit den Nachbarn schon Pläne für das nächste Mal schmiedete.
Wenn ich jetzt schon mit der Planung beginne, kann ich vielleicht von einem Frühbucherrabatt profitieren. Für meine Ferienreise Ende Oktober des nächsten Jahres.
Meine aussterbende Fanbase wird sich ob dieser einfachen Feststellung schon denken, dass damit noch nicht alles zum Thema gesagt ist. Und das stimmt. Im Gegensatz zum ersten Satz, dieses kleinen Berichts.
In meiner Teenagerzeit war Halloween für mich DER Horrorfilm überhaupt. Nachdem ich ihn mehrere Male gesehen hatte, konnte ich souverän den Beschützer geben, wenn ich die jeweilige Dame des Herzens neben mir auf dem Sofa sitzen hatte und wir Michael Myers zuschauten, wie er sich durch Haddonfield metzelt.
Irgendwann hatte ich dann aber längerfristige Beziehungen und den Film nun doch schon ausreichend oft gesehen. Deshalb war es dann vor allem Jamie Lee Curtis, die vor meinem geistigen Auge erschien, wenn Halloween erwähnt wurde. Als der Film gedreht wurde, war sie erst 19 und ihre Rolle eher bieder angelegt, aber dann kamen die "Glücksritter", "Ein Fisch namens Wanda" und "True Lies". Seither löst das Wort Halloween also vieles aus bei mir, aber sicher keinen Horror mehr.
Der Vollständigkeit halber muss ich auch noch Helloween erwähnen. Die deutsche Powermetal-Band war mit ihrem Album "Keeper Of The Seven Keys" fester Bestandteil meiner täglichen Musikdosis. Helloween schreibt sich zwar mit e, aber das hört man ja nicht, wenn man gefragt wird, was einem zu Halloween einfällt.
Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass ich bis vor Kurzem an drei Dinge dachte, wenn ich nach Halloween gefragt wurde: Den Film von 1978, Jamie Lee Curtis und die Band Helloween. Vor einigen Tagen wurde nun aber auch das Ereignis "Halloween" selbst, das vor allem in den USA eine große Sache ist, für mich zur Realität.
Und ja, ich hätte auch nein sagen können.
Aber nein, das konnte ich nicht.
Wenn man auf der Suche nach einer neuen Bleibe ist (zum Beispiel, weil die aktuelle Unterkunft abgerissen werden soll), achtet man bei der Auswahl infrage kommender Objekte in der Regel nicht nur auf die Wohnung selbst, sondern auch auf deren Lage und Umgebung. Blick ins Grüne oder vorne die Autobahn und hinten die Gleise. Am Arsch der Welt oder mitten im Leben. Gut abgeschirmt von den Nachbarn oder an Silvester anstoßen von Balkon zu Balkon.
Wir haben bis vor ein paar Monaten am Ende einer Straße auf dem "Monte Bonzo" unserer Gemeinde gewohnt. In dieser Gegend sprach man nicht miteinander, man blieb für sich, freute sich auf seinen neuen Ferrari, entspannte sich am Pool oder genoss den freien Blick auf den Rigi. Das war perfekt für mich. Kein Kontakt ist perfekt für mich. Zumal ich mich eh nicht in Gespräche hätte einbringen können, die Dr. Dr. Prof. Herzspezialist mit Floris von den Banken führen. Was weiß ich schon über Bentleys oder die Schwierigkeit gute Housekeeper zu finden.
Aber eben, unser Haus sollte abgerissen werden, weshalb wir etwas Neues suchen mussten. Und so ergab es sich, dass es vorbei war mit der süßen Einsamkeit. Die neue Wohnung lag nämlich mitten im Ort, unten beim Fußvolk. Sieht man von der Fernsicht ab, erwies sich die neue Bleibe aber durchaus als Glücksgriff.
Damals. Im März.
Heute, im November weiß ich es aber besser. "Was war geschehen?" mag sich manch ein Leser nun, ob der Spannung Fingernägel kauend, fragen. Nun, es geschah "Halloween". Nicht der Film, nicht die Band und bedauerlicherweise - wenngleich nicht ganz überraschend - auch nicht Jamie Lee Curtis. Sondern das echte Halloween! Der Horror war also zurück. Im echten Leben. Ohne Ausweg!
Als wir vor vielen Jahren noch auf unserem Berg wohnten und entrüstet den Kopf schüttelten, weil unser Nachbar schon wieder einen Sportflitzer geliefert bekommen hatte, fand in den Niederungen der Gemeinde eine kleine Helloween-Party statt. OK, so klein war sie gar nicht. Sie war sogar so groß, dass die lokalen Medien darüber berichteten. Aber nicht so groß, dass es bei mir auf dem Schirm aufgetaucht wäre. Und genau das war rückwirkend betrachtet das Problem.
Hätte ich das damals wahrgenommen, wäre das Epizentrum der Halloween-Party inklusive eines Sicherheitsabstandes für eine Wohnungssuche tabu gewesen. Sei's drum, ich wusste es nicht, ich habe keine Sperrzone ausgerufen und wir sind dort eingezogen, wo wir jetzt wohnen. Nicht ahnend, was auf uns zukommen würde.
Bis unsere neue Nachbarin eines Tages meine Frau ansprach. Sie wolle eine Neuauflage der Halloweenparty machen und deshalb fragen, ob es OK wäre, wenn auf unserem Parkplatz eine Bar und ein paar Bierzeltgarnituren aufgestellt würden.
In der Regel suche ich keinen Kontakt zu anderen Leuten. Mit Ausnahme des engsten Familien- bzw. Freundeskreises kommen Kontaktaufnahmeversuche normalerweise nicht von meiner Seite aus. Das ist einfach meine Natur. Das schlägt sich auch auf meine Art der Kommunikation nieder. Ich frage andere Menschen nicht, wie der Urlaub war, wie es Ihnen geht oder ob sie "gut gerutscht" sind. Abgesehen davon, dass mich die Antwort in der überwiegenden Zahl der Fälle tatsächlich nicht interessiert, vermeide ich so auch in längere Gespräche verwickelt zu werden.
Hätte unsere Nachbarin also mich statt meine bessere Hälfte wegen der Parkplätze gefragt, hätte ich mit einem Lächeln gesagt, dass das selbstverständlich in Ordnung gehe, wäre meines Weges gegangen und hätte für den betreffenden Zeitraum Auslandsurlaub gebucht. Mein Schatz ist aber nicht wie ich. Sie erlaubte zwar ebenfalls die Nutzung unserer Parkplätze, beließ es aber nicht dabei. Stattdessen fragte sie mit einem echten Lächeln und echter Begeisterung, ob man (Achtung: "man" heißt hier "wir" und "wir" schließt in diesem Falle mich ein) etwas helfen könne. Ja, kann man. Danke für das Angebot. "Danke." dachte ich auch als ich dann am Abend davon erfuhr. Oder besser "Na danke!"
Aber was will man machen? Der Schaden war schon angerichtet, also konnte ich mir auch anhören, was geplant war. Es sollte in einem Pavillon eine kleine Geisterbahn errichtet werden, auf dass die Kinder der Nachbarschaft ein bisschen Halloween feiern können. Für die Eltern sollte Glühwein und Grillwurst das Warten erträglicher machen. Klingt übersichtlich.
Ich bin so naiv.
Es wäre nett, wenn ich eine Schicht am Grill übernehmen könne, meinte mein Liebling dann. Außerdem würden wir beim Aufbau der Geisterbahn helfen. Ach ja, und unser Haus und unser Garten würden wir auch noch passend zum Thema dekorieren.
Für den Durchschnittsmenschen klingt das noch immer nicht nach dem Drama, das sich vor meinem inneren Auge manifestierte, aber es ist schon ein großer Unterschied, ob ich meinen Parkplatz zur nicht automobilen Nutzung freigebe und in die Ferien fahre oder ob ich mit fremden Menschen Grillwürste an fremde Menschen verkaufe, nachdem ich stundenlang mit fremden Menschen aus einem großen Pavillon eine Geisterbahn gemacht habe. Aber, wir (?) hatten halt schon zugesagt. Und wer weiß, vielleicht beantrage ich doch mal irgendwann die schweizerische Staatsbürgerschaft und kann dann meine Integration in der Gemeinde mit meinem Engagement in meiner Nachbarschaft zum Wohle der Quartierskinder belegen.
Stellt Euch mal eine Staumauer in einem Katastrophenfilm vor. Am Anfang ist noch alles friedlich, dann tauchen einige wenige Risse auf, durch die ein bisschen Wasser spritzt und kurze Zeit später bricht die Staumauer und die Wassermassen ergießen sich ins Tal. So ähnlich ist es auch mit sozialen Kontakten in der Nachbarschaft. Erst ist noch alles friedlich, dann gibt man seinen Parkplatz frei und plötzlich stehen fremde Menschen auf Deinem Balkon und versuchen die richtige Position für einen Beamer zu finden, damit zur Halloweenparty tanzende Skelette zu sehen sind. Gerade als ich mich gemütlich zum Essen und Netflixen auf das Sofa gesetzt hatte.
Mein Schatz dekoriert gerne, deshalb war die Aufgabe, unser kleines Häuschen in ein Gruselhaus zu verwandeln ein gefundenes Fressen für sie. Ich will ja nicht behaupten, dass sie bezüglich Halloween übertrieben hätte, aber ich hatte das Gefühl, dass die Paketdienste zusätzliche Fahrer eingestellt haben, um das ganze Zeug anzuliefern, das in der Folge im, am und ums Haus aufgestellt oder angebracht werden sollte. Eine weitere Aktivität, in die ich verwickelt wurde, nur weil mein Liebling nicht so asozial ist, wie sie sein sollte.
Aber sei's drum, irgendwann waren die Vorarbeiten erledigt. Die Geisterbahn war bezogen auf nur 6 x 6 Meter Grundfläche äußerst gut gelungen und unser Haus ein echter Hingucker. Die Leute kamen, die Kinder hatten Spaß und mit Glühwein und Grillwurst hätte ich den Abend fast genießen können, wären da nicht Leute gewesen, die ob unserer Deko den Eindruck hatten, dass es IM Haus auch noch etwas zu sehen gäbe. Mangels "Kein Zutritt"-Schild musste ich permanent unsere Haustüre im Auge behalten.
Wobei, ließen sich Menschen durch Warnschilder davon abhalten verlassene Wege zu begehen, dunkle Tunnel zu erforschen oder eben gruselige Häuser zu betreten, gäbe es deutlich weniger dramatische Filmszenen.
So weit, so gar nicht mal so schlecht. Könnte man denken, wenn man nicht wüsste …
Nach der Party ist nämlich vor dem Aufräumen. Glücklicherweise war die Veranstaltung überwiegend für die kleineren Kinder gedacht und damit schon recht früh zu Ende. Als ich dann aber nach getaner Arbeit auf dem Sofa endlich entspannen wollte, klingelte es an der Türe. Um 22:00 Uhr! Draußen standen zwei - geschätzt 16-jährige - Mädchen die mir ein scheues "Süßes oder Saures" entgegenflüsterten. Gerade so, als seien sie sich nicht ganz sicher, ob sie das mit Halloween überhaupt richtig verstanden hatten.
So kann ich nicht arbeiten. Wenn ich mit diesem neumodischen Halloween-Brauch nicht vertraut wäre, wüsste ich noch nicht einmal, ob es sich bei "Süßes oder Saures" um eine Frage oder eine Aussage (oder gar eine Drohung) handelt. Vielleicht waren die zwei von den Zeugen Jehovas und wollten eine neue Strategie ausprobieren, um ins Gespräch zu kommen.
Wäre ich vom Hausbewachungsdienst nicht so erschöpft gewesen, hätte ich vermutlich mit "Ich nehme gerne etwas Saures, vielleicht Essiggurken?" gesagt und hätte mich an den verwirrten Gesichtern ergötzt. So aber brachte ich mein Bedauern darüber zum Ausdruck, dass die furchtbaren Kinder schon wie die Heuschrecken über uns hergefallen seien, nicht Süßes mehr übrig sei und ich höchstens noch ein paar Stücke trockenen Brotes auftreiben könne, falls sie eine Stärkung für den Heimweg bräuchten.
Ein paar Tage später war der - Achtung Wortspiel - Spuk dann auch wieder vorbei. Die letzten Fake-Spinnweben aus den rauen Holzbrettern der Fassade waren entfernt, die Geisterbahn abgebaut und die gruseligen Gestalten in Kartons verpackt. Sehr gut.
Ich rufe Euch nochmals in Erinnerung, dass man nach dem "Natürlich könnt Ihr unseren Parkplatz benutzen!" einfach hätte weitergehen können. Was ob der beschriebenen Fehlentscheidung dann passiert ist, sollte jedem eine Lehre sein. Jedem außer meinem Liebling, offensichtlich. Belauschte ich doch kurze Zeit später, wie mein Schatz mit den Nachbarn schon Pläne für das nächste Mal schmiedete.
Wenn ich jetzt schon mit der Planung beginne, kann ich vielleicht von einem Frühbucherrabatt profitieren. Für meine Ferienreise Ende Oktober des nächsten Jahres.