News-Bote
Ich bring die Post
Gedankenexperiment: Und was, wenn er den Stecker zieht?
Neben dem Thema Verteidigung gehört die hohe Abhängigkeit von den großen US-Technologiekonzernen wie Microsoft, Google oder Amazon zu den wesentlichen Archillesfersen, die man in Europa gegenüber der erratisch und konfrontativ agierenden US-Administration hat. So rückt das Thema Digitale Souveränität immer stärker in den Fokus, nicht nur aufgrund der Sorge, dass US-Präsident Trump den Sanktionshammer ins Digitale ausdehnen könnte, auch eine Entscheidung aus Brüssel, die „Handels-Bazooka“ scharf zu schalten, hätte weitreichende Folgen.
Umso wichtiger wird es, dieses Gedankenexperiment einmal durchzuspielen, zumal es mit China noch ein weiteres Land gibt, von dem sich die Europäer besonders beim Netzausbau unabhängig machen wollen. Wären wir also tatsächlich derart geliefert, wie es von Vielen vermutet wird? Ein Blick in die jüngere Vergangenheit zeigt zumindest, dass die Folgen bei weitem nicht so eindeutig wären, wie man es vermuten würde.
Von Huawei bis Kaspersky
In den vergangenen zehn Jahren haben die Europäer viel Erfahrung damit gesammelt, wie sich Sanktionen im Digitalsektor auf die eigene Handlungsfähigkeit auswirken können. Bereits in seiner ersten Amtszeit setzte US-Präsident Trump zum Rundumschlag gegen Huawei an und das Embargo führte 2019 letztlich dazu, dass man seine Android-Lizenz von Google verloren hat. Neue Mobilgeräte kamen, bevor der Wechsel auf HarmonyOS erfolgte, kamen mit einem auf AOSP basierenden Android, bestehende Geräte wurden aber weiter versorgt wie bisher.
Auch mit Russland konnten wir während der Amtszeit von Joe Biden viele Erfahrungen sammeln. Während dieser Zeit sind Anbieter wie Kaspersky auf westliches Bestreben rausgeflogen, während Russland selbst gleichzeitig bewiesen hat, wie ineffizient Netzsperren im Fall von Telegram als auch eigene Abschottung wie mit dem Runet im Regelfall ist. Gleichwohl haben Gruppen wie KDE berichtet, dass Entwickler aus den betroffenen Regionen Probleme mit dem Zugriff auf den Code hatten, was die Zusammenarbeit letztlich erschwert hatte.
Weitgehend geschlossene Systeme, wie sie Microsoft oft immer noch einsetzt, sind eine eigene Herausforderung. Gezielte Sanktionen wie im Fall vom Internationalen Strafgerichtshof können eine Weiterarbeit unmöglich machen und haben hier dazu geführt, dass dieser von Microsoft zu OpenDesk aus Deutschland wechseln will. Werden Sanktionen wie in Russland breiter gestreut, kann es aber auf eine ähnliche Situation wie bei Huawei hinauslaufen. Neuverkäufe wurden hier eingestellt, bestehende Abos und dergleichen aber weiter versorgt. Die Frage ist: Welche Schlussfolgerungen erlauben diese Erfahrungswerte?
Schlussfolgerungen
Offene Basis, geschlossene Basis
Grundsätzlich darf man sich keine Illusionen darüber machen, dass umfassende Sanktionsmaßnahmen durch die USA im Digitalbereich oder die Anwendung der Handels-Bazooka bzw. einer Digitalabgabe durch die EU automatisch zu Einschnitten und einer herausfordernden Zeit für uns als europäische Nutzer führen würden. Gleichzeitig bieten freie Software und Open Source-Komponenten einen relativ guten Schutzwall gegen etwaige Maßnahmen.
Was für das AOSP gilt, kann man problemlos auf andere Basisprojekte wie Chromium, Gecko und andere übertragen. Natürlich könnte man später Zusatzklauseln integrieren, wie das bei React mal der Fall war, oder man wandelt es in eine geschlossene Lizenz um, aber das würde im Zweifelsfall schlicht zu einem Fork der letzten Basis führen, wie Amazon das einst bei Redis und Elasticsearch vorgemacht hat. Weitere Beispiele könnt ihr an dieser Stelle sehen.
Eine schwierige Schlüsselfrage würde Künstliche Intelligenz werden, wo Europa mit Mistral AI vor allem ein Unternehmen mit einem führenden KI-Modell hat. Während das wichtige Model Context Protocol (MCP) ein klassisches Open Source-Projekt ist und aktuell einen Wechsel von der MIT-Lizenz zur APL 2.0 vollzieht, ist es bei den KI-Modellen an sich schwieriger, wenn man bedenkt, dass kommerzielle Modelle wie Gemini 3, Claude oder GPT-5 bei einer Sanktionswelle zwangsläufig außenvor sind. Zwei Beispiele: Die Phi-Modelle von Microsoft stehen unter der MIT-Lizenz und sind damit klassische FOSS-Projekte, während die Gemma-Modelle von Google nur Open Weight sind und unter einer separaten Gemma-Lizenz veröffentlicht werden. Kurzum: Man müsste wirklich jedes einzelne Modell prüfen und abwägen, sofern man nicht auf bestehende Sammlungen wie bei Ollama zurückgreifen möchte.
Das macht eine Redistribution riskant, die zum Beispiel bei Visual Studio Code, wo die Binaries nicht quelloffen sind, über VSCodium möglich ist, indem man den Quellcode separat kompiliert und die problematischen Teile entfernt. Geschlossene Komponenten machen es aber auch allgemein schwieriger. Eine unabhängige Pflege von Windows wäre dann insofern möglich, wenn man sich auf quelloffene Komponenten wie den Rechner, das Terminal, WinGet, PowerShell oder, sofern möglich, .NET konzentriert und diese über einen separaten Paketmanager bereitstellt. Auch bei den Treibern könnte man mit eigenen Implementierungen abhelfen, wie es mit Oasis, WinBtrfs oder Nouveau unter Linux schon bewiesen wurde. Aber an andere Schlüsselkomponenten wie die Virendefinition von Defender oder allgemeine Sicherheitsupdates kommt man nicht heran, weswegen bestenfalls ein Notbetrieb mit Windows noch möglich und verantwortbar wäre.
Dezentralisierung
Zunächst dürfte kurzfristig aber eine umfassende Dezentralisierung in den Vordergrund rücken. Da wir nicht garantieren könnten, dass wir nicht ähnlich wie die russischen Entwickler bei KDE im Sanktionsfall zumindest Probleme beim Zugriff auf GitHub oder GitLab bekämen, wären (gerade bei einem evtl. Umzug) zumindest zusätzliche Mirrors auf Servern in anderen Ländern notwendig, wo der Quellcode schlicht gespiegelt wird. Genauso wäre die allgemeine Distribution von Daten über einfache Möglichkeiten ein wichtiger Beitrag, angefangen über moderne Methoden wie dem auf der Blockchain basierenden InterPlanetary File System (IPFS) bis hin zu klassischen Methoden wie Torrents, wie sie bis heute gerne von Linux-Distributionen zur Kompensation bei der eigenen Infrastruktur verwendet werden.
Eine der leichtesten Übungen beträfe die Kommunikation. Schon früher haben wir in bekannten MultiMessengern wie Pidgin oder Miranda in proprietäre Protokolle unter eine Oberfläche geschrieben, ehe wir auf Ebene der Protokolle und Webstandards mit Sachen wie XMPP, Matrix, IRC, WebRTC, RCS oder ActivityPub noch wesentlich besser geworden sind. Ein besonderes Element waren dabei immer die Bridges, die gerade bei XMPP und Matrix auch die Verbindung zu kommerziellen Anbietern wie Bluesky, Microsoft Teams oder WhatsApp erlauben, aber auch abseits davon gibt es Messenger, die unkonventionelle Wege gehen, darunter Delta Chat, der auf Basis der E-Mail-Infrastruktur arbeitet, oder Briar, der für Kommunikation in Szenarien wie Naturkatastrophen entwickelt wurde.
Dezentralisierung wäre generell auch ein wichtiges Element, damit Informationen weiter ungehindert fließen können, wo gerade die verschiedenen Elemente des Fediverse wie Mastodon, Pixelfed oder PeerTube eine große Rolle spielen können. Auch alternative Internetseiten wie über das weniger bekannte Gemini-Protokoll (nicht zu verwechseln mit dem KI-Modell von Google, das Netzwerkprotokoll Gemini ist älter) wären eine Überlegung wert, Tor als Netzwerk nicht zu vergessen. Aber das sind an sich schon wieder Extrembeispiele, die man so hoffentlich nie zwingend ziehen müsste.
Für den Privatnutzer sind vor allem aber zwei Punkte wichtig. Erstens: Man muss konsequent auf offene Standards und Webstandards setzen, damit der Datenaustausch ungehindert erfolgen kann, also etwa die OpenDocument-Formate von LibreOffice statt der OOXML-Formate von Microsoft. Zweitens: Bei der Wahl der Software muss man agnostischer werden. Als Beispiel: Wenn man als Entwickler einen Git-Client braucht, sollte man nicht GitHub Desktop verwenden, weil man sowieso überwiegend mit GitHub arbeitet, sondern bewusst mit einem unabhängigen Client wie Tower, SourceTree, GitKraken oder SublimeMerge arbeiten, mit dem man jede Plattform seiner Wahl oder eine selbstgehostete Instanz ansprechen kann.
Geht es wirklich ohne China?
Während Europa im Schwerpunkt alles dafür tun muss, auf die eigenen Füße zu kommen, wofür ich euch an dieser Stelle auch schon einen Überblick gegeben habe, bleibt eine andere Frage im Raum: Ginge es tatsächlich ohne China? Es stimmt zwar, dass die EU aktiv daran arbeitet, ZTE und Huawei aus der eigenen Netzinfrastruktur zu verbannen, und dennoch gehörte China während der Russland-Sanktionen neben Indien, Aserbaidschan, Kasachstan oder den Mercosur-Staaten zu den Ländern, denen man sich wirtschaftlich in einem gewissen Maße wieder annähern wollte.
Und Peking bringt notwendige Erfahrungen mit, ob man möchte oder nicht. In Bereichen wie Prozessoren oder Grafikkarten ist oder wird man eigenständig, ebenso können bekannte OEMs wie Huawei, Lenovo oder Xiaomi bei jeglichen Formfaktoren mit Linux oder im mobilen Bereich schnell umschwenken, wenn in Europa der Bedarf steigt. DeepSeek kann neben Mistral zum zweiten großen KI-Modell in Europa werden und TikTok hätte quasi freie Bahn, wenn andere soziale Netzwerke wie Instagram, Snapchat und Co. gehen müssen. Das ist ein hypothethisches Szenario, bei dem man aber nicht ausschließen sollte, dass die Verlockungen in Brüssel wachsen könnten.
Der Binnenmarkt als große Stärke
Dass uns also so oder so eine ziemliche Durststrecke oder zumindest eine harte Zeit bevorstehen würde, damit kann und muss man rechnen. Gleichzeitig bietet diese Situation nicht nur Chancen für die europäische Digitalindustrie, sondern das vorhandene Vakuum dürfte zeitnah aufgefüllt werden. Die EU ist eben noch einer der größten Binnenmärkte und ein relevanter Akteur, etwa was Freihandelszonen betrifft. Bei den Messengern würde neben Threema und Wire so sicherlich auch Telegram überleben und andere Konkurrenten wie Line aus Japan oder KakaoTalk aus Südkorea könnten ihr Glück versuchen. Samsung Internet kann in Europa als Browser zu einer relevanten Größe werden, und auch andere Vertreter aus Asien wie Nintendo, Sony, Atlassian oder Canva wären nicht außenvor.
Wichtig ist dabei, dass man hier nicht nur von möglichen Sanktionen aus Washington ausgehen darf und auch die Gefahr vorhanden wäre, dass mögliche Sekundärsanktionen diese Unternehmen abschrecken und zur Abwägung zwingen können. Allerdings wird auch in vielen dieser Länder das Bewusstsein für digitale Souveränität und mehr Unabhängigkeit von den USA größer. Und die EU hat bei allen Fehlern und Problemen, die sie hat, gegenüber Washington vor allem einen Vorteil: Sie ist berechenbar. Insofern wäre es für Brüssel durchaus ratsam, sich gerade mit Ländern wie Japan, Kanada, Südkorea, Neuseeland oder Australien, die ebenfalls eher westlich orientiert sind, auf Kooperationen zu einigen.
Worauf man aber eine wesentliche Aufmerksamkeit lenken muss, sind neben der Handels-Bazooka weitere Instrumente, über die man in Brüssel auch verfügt und mit denen man den USA erheblich weh tun könnte. PayPal die Bankenlizenz in Luxemburg entziehen und aus Swift rauswerfen? Eine Möglichkeit. Europäischen Publishern wie CD Projekt, Ubisoft und THQ Nordic den Release auf US-Plattformen verbieten und europäische Tochterunternehmen wie Mojang unter staatliche Kontrolle stellen, wie das in Deutschland gegenüber Rosneft in Schwedt passiert ist? Würde nicht nur Xbox und Windows schaden, sondern auch Valve, Epic und Co. weh tun. Das sind nur zwei Beispiele, auch nur hypothethische Szenarien, die aber theoretisch denkbar wären.
Es ändert nichts daran, dass wir in Europa endlich unsere Hausaufgaben machen und sehr viele Probleme lösen müssen. Wirtschaftlich fängt in Washington aber jemand an zu keuchen, wenn in Brüssel jemand wirklich mal die Schraubzwinge anzieht. Gerade dann, wenn die aktuelle US-Regierung wie bisher die wirtschaftlichen Probleme im eigenen Land immer noch eher verschärft als abmildert.
Was also tun?
Die Entscheidung darüber, dass wir etwas verändern müssen, brauchen wir letztlich nicht mehr zu treffen. Aufgrund der fehlenden Berechenbarkeit und der konfrontativen Aktionen der US-Administration wurde uns diese schon abgenommen. Während man sicherlich nicht von heute auf morgen radikale Änderungen durchführen muss oder wird, muss die Konsequenz sein, dass man nach dem Motto „Der Weg ist das Ziel.“ nach und nach zu mehr Unabhängigkeit kommt. Was kann das bedeuten?
Das sind nur einzelne Gedanken. Wie gesagt, diverse Beispiele habe ich euch in der Anleitung von vor ein paar Tagen schon mal aufgeschrieben. Wichtig ist aber, dass man sich zumindest auf den Weg macht und denen, die nicht die große technische Ahnung haben, dabei hilft, dass sie es auch können. Das Gute ist, dass die Laien oftmals eh wenig Ahnung von dem haben, was da auf dem Bildschirm vor ihnen passiert, und einfach nur wollen, dass die Kiste funktioniert. Wenn man eine Person ist, der sie in der Hinsicht wirklich vertrauen, kann das Vieles erleichtern.
Fakt ist, dass wir im Ernstfall keine Möglichkeit haben, auf irgendwelche Goldrandlösungen zu warten, sondern auf dann marktverfügbare Sachen zurückgreifen müssen. In der aktuellen Lage kann man nicht ausschließen, dass dieser schneller kommt, als man denkt.
Schlusswort
Ich kann hier keine hundertprozentig akkurate Analyse bieten, sondern versuche hier stattdessen, mit den Erfahrungen aus früheren Maßnahmen und bereits verfügbaren Technologien nach bestem Wissen und Gewissen eine Orientierung zu geben. Ich glaube auch, dass ich das mit dem, was uns zur Verfügung steht, so gut wie möglich getan habe.
Letztlich bleibt aber ein gewisses Maß an Unsicherheit, dass man nicht vermeiden kann. Und ja, es muss nicht so kommen, sondern kann auch im Großen und Ganzen so bleiben, wie es ist. Dass es das aber tut, damit sollten man nicht (mehr) in dem Maße rechnen, so wie sich die amtierende US-Administration auf uns als Europäer eingeschossen hat.
Schreibt gerne mal eure Meinung in die Kommentare und lasst uns diskutieren. Miteinander reden und voneinander lernen sind zwei der Güter, die uns in der aktuellen Situation noch ganz besonders wertvoll werden können.
Der Beitrag Gedankenexperiment: Und was, wenn er den Stecker zieht? erschien zuerst auf Dr. Windows.
zum Artikel...
Neben dem Thema Verteidigung gehört die hohe Abhängigkeit von den großen US-Technologiekonzernen wie Microsoft, Google oder Amazon zu den wesentlichen Archillesfersen, die man in Europa gegenüber der erratisch und konfrontativ agierenden US-Administration hat. So rückt das Thema Digitale Souveränität immer stärker in den Fokus, nicht nur aufgrund der Sorge, dass US-Präsident Trump den Sanktionshammer ins Digitale ausdehnen könnte, auch eine Entscheidung aus Brüssel, die „Handels-Bazooka“ scharf zu schalten, hätte weitreichende Folgen.
Umso wichtiger wird es, dieses Gedankenexperiment einmal durchzuspielen, zumal es mit China noch ein weiteres Land gibt, von dem sich die Europäer besonders beim Netzausbau unabhängig machen wollen. Wären wir also tatsächlich derart geliefert, wie es von Vielen vermutet wird? Ein Blick in die jüngere Vergangenheit zeigt zumindest, dass die Folgen bei weitem nicht so eindeutig wären, wie man es vermuten würde.
Von Huawei bis Kaspersky
In den vergangenen zehn Jahren haben die Europäer viel Erfahrung damit gesammelt, wie sich Sanktionen im Digitalsektor auf die eigene Handlungsfähigkeit auswirken können. Bereits in seiner ersten Amtszeit setzte US-Präsident Trump zum Rundumschlag gegen Huawei an und das Embargo führte 2019 letztlich dazu, dass man seine Android-Lizenz von Google verloren hat. Neue Mobilgeräte kamen, bevor der Wechsel auf HarmonyOS erfolgte, kamen mit einem auf AOSP basierenden Android, bestehende Geräte wurden aber weiter versorgt wie bisher.
Auch mit Russland konnten wir während der Amtszeit von Joe Biden viele Erfahrungen sammeln. Während dieser Zeit sind Anbieter wie Kaspersky auf westliches Bestreben rausgeflogen, während Russland selbst gleichzeitig bewiesen hat, wie ineffizient Netzsperren im Fall von Telegram als auch eigene Abschottung wie mit dem Runet im Regelfall ist. Gleichwohl haben Gruppen wie KDE berichtet, dass Entwickler aus den betroffenen Regionen Probleme mit dem Zugriff auf den Code hatten, was die Zusammenarbeit letztlich erschwert hatte.
Weitgehend geschlossene Systeme, wie sie Microsoft oft immer noch einsetzt, sind eine eigene Herausforderung. Gezielte Sanktionen wie im Fall vom Internationalen Strafgerichtshof können eine Weiterarbeit unmöglich machen und haben hier dazu geführt, dass dieser von Microsoft zu OpenDesk aus Deutschland wechseln will. Werden Sanktionen wie in Russland breiter gestreut, kann es aber auf eine ähnliche Situation wie bei Huawei hinauslaufen. Neuverkäufe wurden hier eingestellt, bestehende Abos und dergleichen aber weiter versorgt. Die Frage ist: Welche Schlussfolgerungen erlauben diese Erfahrungswerte?
Schlussfolgerungen
- Software, die im Kern auf einer freien und/oder quelloffenen Lizenz basiert, bietet zumindest einen gewissen Schutz vor den Auswirkungen und ist ein wichtiger Anknüpfungspunkt, wenn man nach einer Eskalation weitermachen möchte.
- Die Distribution von Software und der Datenaustausch spielen eine zentrale Rolle. Deswegen sind offene Standards, reguläre Webstandards und eine weitreichende Dezentralisierung mit ihren zahllosen Möglichkeiten von großer Bedeutung.
- Geschlossene Systeme wie Windows können in einem begrenzten Umfang gepflegt werden, etwa wenn man quelloffene Komponenten über einen separaten Paketmanager bereitstellen kann oder es quelloffene Reimplementierungen etwa bei Treibern gibt. Mittelfristig führt an der Migration zu einer offenen Basis als Hauptsystem aber kein Weg vorbei.
- Künftige Setups müssen allgemein agnostischer, modularer und dezentraler werden, damit man sich möglichst nicht von einem einzelnen Ökosystem oder Anbieter abhängig macht. Das ist auch wichtig, falls in unserem Fall die EU selbst eine Maßnahme wie das Anti-Coercion-Instrument (ACI, aka Handels-Bazooka) aktivieren wird.
- Man muss sich darauf konzentrieren, zumindest die kritischen Sachen möglichst nach Hause und damit in die Europäische Union zu holen. Das bedeutet auch, dass man dort, wo man die Technologien von externen Unternehmen etwa aus den USA noch braucht, sehr genau schauen muss, dass es sich auf ein notwendiges Minimum begrenzen lässt.
Offene Basis, geschlossene Basis
Grundsätzlich darf man sich keine Illusionen darüber machen, dass umfassende Sanktionsmaßnahmen durch die USA im Digitalbereich oder die Anwendung der Handels-Bazooka bzw. einer Digitalabgabe durch die EU automatisch zu Einschnitten und einer herausfordernden Zeit für uns als europäische Nutzer führen würden. Gleichzeitig bieten freie Software und Open Source-Komponenten einen relativ guten Schutzwall gegen etwaige Maßnahmen.
Was für das AOSP gilt, kann man problemlos auf andere Basisprojekte wie Chromium, Gecko und andere übertragen. Natürlich könnte man später Zusatzklauseln integrieren, wie das bei React mal der Fall war, oder man wandelt es in eine geschlossene Lizenz um, aber das würde im Zweifelsfall schlicht zu einem Fork der letzten Basis führen, wie Amazon das einst bei Redis und Elasticsearch vorgemacht hat. Weitere Beispiele könnt ihr an dieser Stelle sehen.
Eine schwierige Schlüsselfrage würde Künstliche Intelligenz werden, wo Europa mit Mistral AI vor allem ein Unternehmen mit einem führenden KI-Modell hat. Während das wichtige Model Context Protocol (MCP) ein klassisches Open Source-Projekt ist und aktuell einen Wechsel von der MIT-Lizenz zur APL 2.0 vollzieht, ist es bei den KI-Modellen an sich schwieriger, wenn man bedenkt, dass kommerzielle Modelle wie Gemini 3, Claude oder GPT-5 bei einer Sanktionswelle zwangsläufig außenvor sind. Zwei Beispiele: Die Phi-Modelle von Microsoft stehen unter der MIT-Lizenz und sind damit klassische FOSS-Projekte, während die Gemma-Modelle von Google nur Open Weight sind und unter einer separaten Gemma-Lizenz veröffentlicht werden. Kurzum: Man müsste wirklich jedes einzelne Modell prüfen und abwägen, sofern man nicht auf bestehende Sammlungen wie bei Ollama zurückgreifen möchte.
Das macht eine Redistribution riskant, die zum Beispiel bei Visual Studio Code, wo die Binaries nicht quelloffen sind, über VSCodium möglich ist, indem man den Quellcode separat kompiliert und die problematischen Teile entfernt. Geschlossene Komponenten machen es aber auch allgemein schwieriger. Eine unabhängige Pflege von Windows wäre dann insofern möglich, wenn man sich auf quelloffene Komponenten wie den Rechner, das Terminal, WinGet, PowerShell oder, sofern möglich, .NET konzentriert und diese über einen separaten Paketmanager bereitstellt. Auch bei den Treibern könnte man mit eigenen Implementierungen abhelfen, wie es mit Oasis, WinBtrfs oder Nouveau unter Linux schon bewiesen wurde. Aber an andere Schlüsselkomponenten wie die Virendefinition von Defender oder allgemeine Sicherheitsupdates kommt man nicht heran, weswegen bestenfalls ein Notbetrieb mit Windows noch möglich und verantwortbar wäre.
Dezentralisierung
Zunächst dürfte kurzfristig aber eine umfassende Dezentralisierung in den Vordergrund rücken. Da wir nicht garantieren könnten, dass wir nicht ähnlich wie die russischen Entwickler bei KDE im Sanktionsfall zumindest Probleme beim Zugriff auf GitHub oder GitLab bekämen, wären (gerade bei einem evtl. Umzug) zumindest zusätzliche Mirrors auf Servern in anderen Ländern notwendig, wo der Quellcode schlicht gespiegelt wird. Genauso wäre die allgemeine Distribution von Daten über einfache Möglichkeiten ein wichtiger Beitrag, angefangen über moderne Methoden wie dem auf der Blockchain basierenden InterPlanetary File System (IPFS) bis hin zu klassischen Methoden wie Torrents, wie sie bis heute gerne von Linux-Distributionen zur Kompensation bei der eigenen Infrastruktur verwendet werden.
Eine der leichtesten Übungen beträfe die Kommunikation. Schon früher haben wir in bekannten MultiMessengern wie Pidgin oder Miranda in proprietäre Protokolle unter eine Oberfläche geschrieben, ehe wir auf Ebene der Protokolle und Webstandards mit Sachen wie XMPP, Matrix, IRC, WebRTC, RCS oder ActivityPub noch wesentlich besser geworden sind. Ein besonderes Element waren dabei immer die Bridges, die gerade bei XMPP und Matrix auch die Verbindung zu kommerziellen Anbietern wie Bluesky, Microsoft Teams oder WhatsApp erlauben, aber auch abseits davon gibt es Messenger, die unkonventionelle Wege gehen, darunter Delta Chat, der auf Basis der E-Mail-Infrastruktur arbeitet, oder Briar, der für Kommunikation in Szenarien wie Naturkatastrophen entwickelt wurde.
Dezentralisierung wäre generell auch ein wichtiges Element, damit Informationen weiter ungehindert fließen können, wo gerade die verschiedenen Elemente des Fediverse wie Mastodon, Pixelfed oder PeerTube eine große Rolle spielen können. Auch alternative Internetseiten wie über das weniger bekannte Gemini-Protokoll (nicht zu verwechseln mit dem KI-Modell von Google, das Netzwerkprotokoll Gemini ist älter) wären eine Überlegung wert, Tor als Netzwerk nicht zu vergessen. Aber das sind an sich schon wieder Extrembeispiele, die man so hoffentlich nie zwingend ziehen müsste.
Für den Privatnutzer sind vor allem aber zwei Punkte wichtig. Erstens: Man muss konsequent auf offene Standards und Webstandards setzen, damit der Datenaustausch ungehindert erfolgen kann, also etwa die OpenDocument-Formate von LibreOffice statt der OOXML-Formate von Microsoft. Zweitens: Bei der Wahl der Software muss man agnostischer werden. Als Beispiel: Wenn man als Entwickler einen Git-Client braucht, sollte man nicht GitHub Desktop verwenden, weil man sowieso überwiegend mit GitHub arbeitet, sondern bewusst mit einem unabhängigen Client wie Tower, SourceTree, GitKraken oder SublimeMerge arbeiten, mit dem man jede Plattform seiner Wahl oder eine selbstgehostete Instanz ansprechen kann.
Geht es wirklich ohne China?
Während Europa im Schwerpunkt alles dafür tun muss, auf die eigenen Füße zu kommen, wofür ich euch an dieser Stelle auch schon einen Überblick gegeben habe, bleibt eine andere Frage im Raum: Ginge es tatsächlich ohne China? Es stimmt zwar, dass die EU aktiv daran arbeitet, ZTE und Huawei aus der eigenen Netzinfrastruktur zu verbannen, und dennoch gehörte China während der Russland-Sanktionen neben Indien, Aserbaidschan, Kasachstan oder den Mercosur-Staaten zu den Ländern, denen man sich wirtschaftlich in einem gewissen Maße wieder annähern wollte.
Und Peking bringt notwendige Erfahrungen mit, ob man möchte oder nicht. In Bereichen wie Prozessoren oder Grafikkarten ist oder wird man eigenständig, ebenso können bekannte OEMs wie Huawei, Lenovo oder Xiaomi bei jeglichen Formfaktoren mit Linux oder im mobilen Bereich schnell umschwenken, wenn in Europa der Bedarf steigt. DeepSeek kann neben Mistral zum zweiten großen KI-Modell in Europa werden und TikTok hätte quasi freie Bahn, wenn andere soziale Netzwerke wie Instagram, Snapchat und Co. gehen müssen. Das ist ein hypothethisches Szenario, bei dem man aber nicht ausschließen sollte, dass die Verlockungen in Brüssel wachsen könnten.
Der Binnenmarkt als große Stärke
Dass uns also so oder so eine ziemliche Durststrecke oder zumindest eine harte Zeit bevorstehen würde, damit kann und muss man rechnen. Gleichzeitig bietet diese Situation nicht nur Chancen für die europäische Digitalindustrie, sondern das vorhandene Vakuum dürfte zeitnah aufgefüllt werden. Die EU ist eben noch einer der größten Binnenmärkte und ein relevanter Akteur, etwa was Freihandelszonen betrifft. Bei den Messengern würde neben Threema und Wire so sicherlich auch Telegram überleben und andere Konkurrenten wie Line aus Japan oder KakaoTalk aus Südkorea könnten ihr Glück versuchen. Samsung Internet kann in Europa als Browser zu einer relevanten Größe werden, und auch andere Vertreter aus Asien wie Nintendo, Sony, Atlassian oder Canva wären nicht außenvor.
Wichtig ist dabei, dass man hier nicht nur von möglichen Sanktionen aus Washington ausgehen darf und auch die Gefahr vorhanden wäre, dass mögliche Sekundärsanktionen diese Unternehmen abschrecken und zur Abwägung zwingen können. Allerdings wird auch in vielen dieser Länder das Bewusstsein für digitale Souveränität und mehr Unabhängigkeit von den USA größer. Und die EU hat bei allen Fehlern und Problemen, die sie hat, gegenüber Washington vor allem einen Vorteil: Sie ist berechenbar. Insofern wäre es für Brüssel durchaus ratsam, sich gerade mit Ländern wie Japan, Kanada, Südkorea, Neuseeland oder Australien, die ebenfalls eher westlich orientiert sind, auf Kooperationen zu einigen.
Worauf man aber eine wesentliche Aufmerksamkeit lenken muss, sind neben der Handels-Bazooka weitere Instrumente, über die man in Brüssel auch verfügt und mit denen man den USA erheblich weh tun könnte. PayPal die Bankenlizenz in Luxemburg entziehen und aus Swift rauswerfen? Eine Möglichkeit. Europäischen Publishern wie CD Projekt, Ubisoft und THQ Nordic den Release auf US-Plattformen verbieten und europäische Tochterunternehmen wie Mojang unter staatliche Kontrolle stellen, wie das in Deutschland gegenüber Rosneft in Schwedt passiert ist? Würde nicht nur Xbox und Windows schaden, sondern auch Valve, Epic und Co. weh tun. Das sind nur zwei Beispiele, auch nur hypothethische Szenarien, die aber theoretisch denkbar wären.
Es ändert nichts daran, dass wir in Europa endlich unsere Hausaufgaben machen und sehr viele Probleme lösen müssen. Wirtschaftlich fängt in Washington aber jemand an zu keuchen, wenn in Brüssel jemand wirklich mal die Schraubzwinge anzieht. Gerade dann, wenn die aktuelle US-Regierung wie bisher die wirtschaftlichen Probleme im eigenen Land immer noch eher verschärft als abmildert.
Was also tun?
Die Entscheidung darüber, dass wir etwas verändern müssen, brauchen wir letztlich nicht mehr zu treffen. Aufgrund der fehlenden Berechenbarkeit und der konfrontativen Aktionen der US-Administration wurde uns diese schon abgenommen. Während man sicherlich nicht von heute auf morgen radikale Änderungen durchführen muss oder wird, muss die Konsequenz sein, dass man nach dem Motto „Der Weg ist das Ziel.“ nach und nach zu mehr Unabhängigkeit kommt. Was kann das bedeuten?
- Mögliche Abhängigkeiten von US-Anbietern muss man zumindest regelmäßig überprüfen und auf das notwendige Minimum beschränken, wo es (noch) nicht anders geht.
- Wenn es gute europäische Alternativen gibt, sollte man einen Umstieg machen, wenn diese niedrigschwellig sind. Damit meine ich keine exotischen Aktionen, sondern schon sowas Einfaches wie Waterfox statt Chrome oder Spotify statt Apple Music.
- Wenn europäische Dienste keine Alternative für jemanden sind, muss man sowas wie Fotos, Dokumente und dergleichen zumindest lokal zusätzlich sichern, falls etwas passieren sollte und man aus seinem Konto bei Microsoft 365 oder ähnliches ausgesperrt werden würde.
- Das eigene Setup muss zunehmend agnostischer, modularer und, wenn möglich, dezentraler werden. Offene Standards wie WebDAV haben Vorrang, gewaltige Abhängigkeiten von einem einzigen großen Anbieter müssen vermieden werden.
Das sind nur einzelne Gedanken. Wie gesagt, diverse Beispiele habe ich euch in der Anleitung von vor ein paar Tagen schon mal aufgeschrieben. Wichtig ist aber, dass man sich zumindest auf den Weg macht und denen, die nicht die große technische Ahnung haben, dabei hilft, dass sie es auch können. Das Gute ist, dass die Laien oftmals eh wenig Ahnung von dem haben, was da auf dem Bildschirm vor ihnen passiert, und einfach nur wollen, dass die Kiste funktioniert. Wenn man eine Person ist, der sie in der Hinsicht wirklich vertrauen, kann das Vieles erleichtern.
Fakt ist, dass wir im Ernstfall keine Möglichkeit haben, auf irgendwelche Goldrandlösungen zu warten, sondern auf dann marktverfügbare Sachen zurückgreifen müssen. In der aktuellen Lage kann man nicht ausschließen, dass dieser schneller kommt, als man denkt.
Schlusswort
Ich kann hier keine hundertprozentig akkurate Analyse bieten, sondern versuche hier stattdessen, mit den Erfahrungen aus früheren Maßnahmen und bereits verfügbaren Technologien nach bestem Wissen und Gewissen eine Orientierung zu geben. Ich glaube auch, dass ich das mit dem, was uns zur Verfügung steht, so gut wie möglich getan habe.
Letztlich bleibt aber ein gewisses Maß an Unsicherheit, dass man nicht vermeiden kann. Und ja, es muss nicht so kommen, sondern kann auch im Großen und Ganzen so bleiben, wie es ist. Dass es das aber tut, damit sollten man nicht (mehr) in dem Maße rechnen, so wie sich die amtierende US-Administration auf uns als Europäer eingeschossen hat.
Schreibt gerne mal eure Meinung in die Kommentare und lasst uns diskutieren. Miteinander reden und voneinander lernen sind zwei der Güter, die uns in der aktuellen Situation noch ganz besonders wertvoll werden können.
Der Beitrag Gedankenexperiment: Und was, wenn er den Stecker zieht? erschien zuerst auf Dr. Windows.
zum Artikel...