Diskussion Gedanken zu einem "gewaltigen" Thema

gisqua

ist wieder öfter hier
Eigentlich wollte ich ja nur eine (3-teilige) Frage in den Raum werfen, die mich schon ziemlich lange beschäftigt, nur um mal zu hören, bzw. lesen, was andere so darüber denken, oder ob das schon SO normal ist, dass eine Diskussion darüber sich nicht lohnt:

"Warum gibt es auf der Welt so viel Gewalt, was ist die Ursache für Gewalt und wie und was kann man etwas dagegen tun?"

Da ich nicht so ganz unvorbereitet ein Thema eröffnen wollte, habe ich begonnen, hier und da nach unterschiedlichen Meinungen zu suchen und dann versucht, das Gefundene in eine einheitliche Form zu bringen.
Aber:
Je mehr ich gelesen habe, desto umfangreicher wurde das Skript.
Inzwischen ist es so viel geworden, dass ich den Überblick verloren habe.

Wann immer ich geglaubt habe, dass ich nun einen guten Anfang und ein Ende gefunden hätte, kamen jedesmal weitere Fakten dazu, die wieder eine ganz neue Seite dieser vermeintlich einfachen Frage zeigten.
Auch bei Gesprächen mit der Familie und Freunden merkte ich, dass es so viele unterschiedliche Sichten und Empfindungen gibt und es nicht nur einer Frage bedarf, um Antworten zu bekommen.
Schon die Anfangsfrage müsste in mehrere Kapitel aufgeteilt werden.

Hier mal ein kleiner Ausschnitt:
  • Was ist eigentlich "Gewalt"?
  • Wo fängt "Gewalt" an, wo ist die Grenze?
  • Hat "Gewalt" immer etwas mit Schmerzempfindung zu tun?
  • Gehört Anschreien, überhebliches behandeln oder bösartige Kritik auch schon zu "Gewalt"?
  • Wie ist die gesetzliche Erklärung zu "Gewalt"?
  • Warum gibt es "Gewalt"?
  • Waren die Menschen schon immer gewaltbereit?
  • Welche Menschen sind eher gewalttätig?
  • Wie unterschiedlich empfinden Menschen "Gewalt"?
  • Gegen wen kann sich Gewalt richten - Menschen, Tiere, Sachen - und wie unterschiedlich wird das bewertet?
  • Kann man die Ursachen von "Gewalt" finden und bekämpfen?
  • Ist das Wort "bekämpfen" nicht schon falsch, weil es ebenfalls Gewalt beinhaltet?
usw., usw., usw.

Da ich Euch nicht mit Romanen langweilen möchte, höre ich hier auf mit der Plapperei.

Vielleicht habt Ihr Interesse, darüber zu diskutieren.
Ich wünsche Euch einen schönen Sonntag und viele gewaltlose Ideen.
 

Schpaik

jeder nach seiner Façon
Teammitglied
Gewalt ist ein vielfältiger Begriff ohne genaue Zuordnung. Ich denke, das du hier das Pferd (den Begriff) von der falschen Seite her aufzäumst.

Deine Frage war ja: Warum gibt es auf der Welt so viel Gewalt

Was ist Gewalt und wie entsteht diese, wäre meine Frage.

Das ist sehr einfach zu erklären. Wir sind eine Spezies die bestimmen will. Schon im Kindergarten finden sich Macher, Mitläufer und Schafe. Lass mal einen Macher drei Wochen lang machen und ihm dann seine Grundlage entziehen. Der flippt aus.
Lass mal zwei Macher zusammenkommen. Entweder verbrüdern die sich oder es gibt echt Zoff.
 

Hidden Evil

Moderator
Teammitglied
Ich brösel man den Fragenkatalog ein wenig auf, so wie ich das Thema Gewalt für mich selbst betrachte.

  • Was ist eigentlich "Gewalt"?
Für mich ist das der Versuch, anderen seinen Willen gegen dessen eigenen aufzuzwingen, und dabei physische oder psyschiche Angriffe mit einzusetzen.
  • Wo fängt "Gewalt" an, wo ist die Grenze?
Nach oben hin gibt es leider keine mir erkennbare Grenze. Anfangen tut es schon dabei, dass das Gegenüber (oder das betroffene Objekt) wie oben erwähnt physischen und/oder psyschichen Schaden erleidet.
  • Hat "Gewalt" immer etwas mit Schmerzempfindung zu tun?
Definitiv ja für mich. Selbst wenn Gewalt gegen Objekte ausgeübt wird, entsteht ein Schaden. Physisch natürlich am Objekt, aber auch psyschich beim Eigentümer, selbst wenn jener und der Angreifer die selbe Person sein können. Meist wird das einem erst hinterher bewusst, was man da angerichtet hat und falls der Eigentümer jemand anderer ist, könnte für ihn der Wert des zestörten Objektes deutlich höher sein als der Preis (das ist oft ein gewaltiger Unterschied), der auch bei Verlust sehr schmerzhaft sein kann.
  • Gehört Anschreien, überhebliches behandeln oder bösartige Kritik auch schon zu "Gewalt"?
Anschreien ist für mich auch schon ein Akt der Gewalt, man versucht das Gegenüber psyschich einzuschüchtern und seinen Willen aufzuzwingen. Der Rest ist da eher milder zu betrachten.
  • Wie ist die gesetzliche Erklärung zu "Gewalt"?
Keine Ahnung, vielleicht will ich das auch gar nicht wissen.
  • Waren die Menschen schon immer gewaltbereit?
Die Menschheit war das schon, seit wir aus der Ursuppe gekrochen kamen. Es gab schon immer "Meins! Finger weg oder ich hau dir die Keule auf den Kopf!" Und das wird sich auch nie ändern. Dieses utopische "Eines Tages werden wir daraus lernen und es herscht Friede, Freude, Eierkuchen!" sehe ich niuemals kommen. Zuvor bombt sich die Menschheit selbst in Schutt und Asche.
  • Welche Menschen sind eher gewalttätig?
Das Problem sehe ich hier ganz klar in der Erziehung. Wer Gewalt aktiv beigebracht bekommt, wird sie auch an anderen ausüben. Ich sehe es immer wieder (vor allem auf meiner Arbeit), wie Eltern ihren Kindern ihre eigene Arroganz und sogar Gewaltbereitschaft beibringen. Ein Kunde hat mich mal vor seinem Kind massiv beleidigt und angeschrien, das Kind wird das Verhalten als "richtig" ansehen und eines Tages mit hoher Wahrscheinlichkeit auch ausüben.

Es spielt für mich eine wichtige Rolle im Thema "Gewaltbereitschaft", ob ein MEnsch von Grunde auf eher sozial und empathisch ist, oder egoistisch. Letztere werden garantiert häüfiger zur Gewalt greifen als erstere.
  • Wie unterschiedlich empfinden Menschen "Gewalt"?
Stark unterschiedlich. Manch einer lässt sich davon nicht ansatzweise aus der Fassung bringen, andere sind so nah am Wasser gebaut, dass selbst konstruktive Kritik (die keineswegs Gewalt beinhaltet) sie zum weinen bringen kann. Jene, die Gewalt aus Bosheit ausüben, werden ganz sicher nicht enpfinden, sie würden das auch tun und ihr Handeln rechtfertigen.
  • Gegen wen kann sich Gewalt richten - Menschen, Tiere, Sachen - und wie unterschiedlich wird das bewertet?
Gegen alles und jeden. Selbst ein Klapps auf das Händchen des Kleinkindes oder das Antatschen mit der Zeitung auf die Katze wenn sie Mist bauten kann als Gewalttat betrachtet werden. Die Bewertung ist Ansichtssache. Beide ebend erwähnten Beispiele sind für mich keine bösartigen Gewalttaten, für andere wären sie schon ein Kriegsverbrechen. Bezüglich Sachgegenständen ist man da meist weniger emotional, es "sind ja nur leblose Objekte". Aber wie schon angfangs erwähnt, kann das dennoch Schmerzen beim Eigentümer mit sich bringen.
  • Kann man die Ursachen von "Gewalt" finden und bekämpfen?
Unsere Emotionen sind das Problem. Hätten wir die nicht, gäbe es auch keine Gewalt. Da gibt es ein gutes Beispiel als Film, er heißt "Equilibrium". Menschen mit Emotionen wurden dann umgebracht und am Ende war das Konzept der Emotionsabschaltung aber auch nicht erfolgreich, es wurde mit Gewalt bekämpft. Welche Ironie.
  • Ist das Wort "bekämpfen" nicht schon falsch, weil es ebenfalls Gewalt beinhaltet?
Ein Kampf beinhaltet immer "etwas gegen etwas anderes". Es ist immer ein Konflikt (ausgenommen natürlich sportliche Wettkämpfe etc.). Etwas Bekämpfen heißt, man geht gegen etwas vor, das nicht möchte, dass man da tut. Imprinzip ist es auch Gewwalt, wenn man man einen Krankheitserreger im Körper durch Medikamente "bekämpft". Man geht mit Gewalt gegen etwas anderes vor. Im Primzip könnte man die Frage also mit JA beantworten. Aber oft heißt es auch "Der Zweck heiligt die Mittel", und das ist wieder komplett Ansichtssache.
 

gisqua

ist wieder öfter hier
Danke Hidden Evil für das Aufbröseln.
Die Menschheit war das schon, seit wir aus der Ursuppe gekrochen kamen. Es gab schon immer "Meins! Finger weg oder ich hau dir die Keule auf den Kopf!" Und das wird sich auch nie ändern. Dieses utopische "Eines Tages werden wir daraus lernen und es herscht Friede, Freude, Eierkuchen!" sehe ich niuemals kommen. Zuvor bombt sich die Menschheit selbst in Schutt und Asche.
Dazu hatte ich mir auch Notizen gemacht:
Menschen waren einen Großteil ihrer Geschichte Jäger und Sammler. Sie zogen in kleinen Gruppen umher und konnten dabei nur überleben, weil sie zusammengearbeitet haben.
Nicht die Durchsetzung mit Gewalt, sondern die Stärkung der Gemeinschaft war das Überlebensprinzip der Menschen über viele Tausende von Jahren.
Erst als die Menschen sesshaft wurden, änderte sich etwas im Zusammenleben. Also als die Menschen nicht mehr umherwanderten, sondern Getreide und Früchte anbauten und Vieh züchteten. Dies geschah vor ca. 10.000 Jahren und wird von Fachleuten als "Neolitische Wende" bezeichnet.
Jetzt wurde es notwendig diesen Besitz oder die Anbauflächen gegen andere zu verteidigen.
Man könnte also sagen, dass eine der Ursachen von Gewalt das Anhäufen von Eigentum ist.
Auch mangelnde Beschäftigung, zuviel Freizeit und Langeweile könnte eine Ursache sein.
Wenn Kinder beschäftigt sind, oder spielen, oder lernen, oder ähnlich sinnvolles tun, sind sie relativ aggressionslos.
Wenn sie nichts mit sich anfangen können, beginnen sie Blödsinn zu machen.
Das ist bei Erwachsenen nicht anders.
Wir haben uns mit der ganzen Industrialisierung möglicherweise keinen Gefallen getan.
Uns wird einfach ZU viel Arbeit abgenommen.
Wir kommen auf dumme Gedanken, Neid und Gewalt.

Wenn das so einfach zu erklären wäre!
Ist es aber nicht - ich bin zwar naiv, aber so naiv nun auch wieder nicht.
 

gisqua

ist wieder öfter hier
Da ich ein Sprüche- und Bildchen-Fan bin, kommt hier eine kleine Erweiterung:

2021.10.18.gewalt.1.jpg2021.10.18.gewalt.2.jpg2021.10.18.gewalt.3.jpg2021.10.18.gewalt.4.jpg2021.10.18.gewalt.5.jpg2021.10.18.gewalt.6.jpg2021.10.18.gewalt.7.jpg
 

Supernature

Und jetzt?
Teammitglied
Gewalt ist für mich alles, was sich dazu eignet, Schmerz zu verursachen. Ich war glücklicherweise nie schwerer körperlicher Gewalt ausgesetzt, und das Allermeiste davon habe ich vollständig vergessen. An diverse verbale Kränkungen kann ich mich dagegen bis in meine Kindheit zurück erinnern. Von daher besteht für mich kein Zweifel, dass die Definition von Gewalt sehr weitreichend ist.
 

Duftie

assimiliert
Ich wurde in meiner Kindheit gelegentlich mal von meinen Eltern übers Knie gelegt, dass hat mich sicherlich mit geprägt, aber ich würde nicht behaupten, dass es mein Leben negativ beeinflusst hat (was man natürlich nur sicher belegen könnte, wenn man das gleiche Leben noch einmal ohne Schläge durchspielen könnte). Tatsächlich habe ich eher das Gefühl, dass ich da Positives durch gewonnen habe.

Meine Mutter hielt es für eine gute Idee, mir einzureden, dass ich mich nicht prügeln darf. Das endete dann so, dass ich der Prügelknabe der Nachbarschaft und in der Schule wurde, weil niemand die Befürchtung haben musste, dass ich zurückschlage. Wenn ich dann mal mit blutige Lippe und heulend zuhause saß, kam mein Vater noch mit Kommentaren wie "Na, wenn die Dich geschlagen haben, wirst Du auch etwas angestellt haben!". DAS empfand ich als verletzender als jeden Schlag und jeden Tritt, den ich je einstecken musste.

Später habe ich dann angefangen mich zu wehren. Nicht mit Schlägen, sondern mit eher defensiven Techniken. Prompt kam der Direx um die Ecke und hat mich in sein Büro zitiert. Das dort folgende Gespräch werden wir beide wohl nicht mehr vergessen.

Warum ich das schreibe? Weil mir diese ganze "Gewalt ist doof"-Diskussion gegen den Strich geht. In einer idealen Welt gäbe es keine Gewalt und vermutlich wären wir alle glücklich und zufrieden, wenn es keine Gewalt gäbe. Aber wenn Gewalt erstmal im Spiel ist, aufgrund von Neid, Missgunst, Machtspielen oder was auch immer, dann ist nicht die Frage OB Gewalt eingesetzt wird, sondern von wem und warum!
Selbstverteidigung ist auch Gewalt und die finde ich absolut nicht verwerflich.

Aber ich bin da vielleicht auch eher der Höhlenmensch. Ich würde auch die Todesstrafe für Mörder und Kinderschänder befürworten, zumindest wenn der Täter zu 100% identifiziert wurde (was ja in der Vergangenheit in den USA nicht immer so geklappt hat). Ich sehe keinen Sinn darin, jemandem, der bereit war aus niederen Beweggründen einer anderen Person das Leben zu nehmen, auf Kosten der Allgemeinheit bis an sein Lebensende ein Dach über dem Kopf zu bezahlen, während andere Menschen auf der Straße hausen müssen, deren Leben man mit einem kostenlosen Dach über dem Kopf tatsächlich ändern könnte.

Erschreckenderweise entdecke ich beim durchlesen meines Textes einige dunkele Seiten an mir, dass ist wohl der Preis fürs altern in einer kaputten Welt ...
 

gisqua

ist wieder öfter hier
Erschreckenderweise entdecke ich beim durchlesen meines Textes einige dunkele Seiten an mir, dass ist wohl der Preis fürs altern in einer kaputten Welt ...
Ich glaube, das geht nicht nur Dir so.
Gewalt hat viele Gesichter.
Gewalt geschieht nicht zufällig. Diejenigen, die Gewalt anwenden, tun dies absichtlich und wollen damit ein bestimmtes Ziel erreichen.
Für den, der Gewalt erleiden muss, ist Gewalt immer sehr schmerzhaft, nicht nur weil sie körperlich weh tut, sondern weil dabei auch die Seele verletzt wird.
Deshalb darf Gewalt nicht geduldet werden.

Allerdings wird uns das Umsetzen dieses letzten Satzes relativ schwer gemacht - nicht nur durch andere, sondern oft auch durch einen selbst, weil man sich nicht anders zu helfen weiß.

Menschen reagieren mit Aggression und Gewalt, wenn bei ihnen eine bestimmte Schmerzgrenze überschritten wird; es ist das letzte Mittel, wenn Worte fehlen, wenn kein Ausweg mehr in Sicht ist.

Wir wenden Gewalt eher an, wenn wir selbst Gewalt erlebt haben.
Wenn man sich einer Gruppe zugehörig fühlt, die Gewalt anwendet, ist man leichter bereit, sich genauso zu verhalten.
 
Oben