Information Cornwall bizzar

chmul

Moderator
Teammitglied
Wir waren gerade in Cornwall und Devon und haben einen Teil der Südwestküste Englands bewandert. "Wir" bedeutet in diesem Falle nicht nur mein Schatz und ich, sondern auch der in England lebende Bruder meiner besseren Hälfte, Ian. Wir hatten uns über AirBnB kleine Apartments gemietet und sind jeweils von dort aus auf Wanderschaft gegangen. Trotz gegenteiliger Wettervorhersage blieben wir dabei bis auf eine Ausnahme trocken und bezüglich der oben genannten Punkte war es wirklich ein gelungener Urlaub.

Nun ist es ja so, dass man in der Regel nicht wegen des Essens nach England fährt, wenn man nicht gerade auf Fish & Chips, Pies oder Erbsen steht. Wir waren also diesbezüglich recht anspruchslos. Zur Not gibt es ja Italiener, Chinesen oder Inder. Das wird schon klappen. Dachten wir.

Es stellte sich aber heraus, dass weniger das Essen selbst zum Problem wurde (mit Ausnahme eines Falles, der später in diesem Text noch genauer beleuchtet wird), sondern überhaupt etwas zu bekommen. Am Abend. In einem Restaurant. Die drei besuchten Dörfer lagen zwar für die geplanten Wanderungen strategisch gut, allerdings haben sich die Gastronomen offensichtlich nur auf Tagestouristen eingestellt.

Um 16:30 Uhr wurden die Bürgersteige hochgeklappt und das auf der Straße sichtbare Leben kam fast vollständig zum Erliegen. Pubs hatten zwar offen, boten aber in der Regel ab dem späten Nachmittag höchstens noch Snacks an. In einem der Pubs gab's unter anderem Pizza. Aber offensichtlich nicht für jeden. Ein Gast schob sich gerade das letzte Stückchen seiner Pizza in den Mund, als wir eintrafen. Als wir dann ebenfalls Pizza bestellen wollten, wurden wir informiert, dass nur die Sonntagskarte gilt und da sei halt keine Pizza drauf. Nur um während unseres Essens einen Keller zu sehen, der ein großes Tablett mit Pizzas an uns vorbei nach draußen auf die Terrasse brachte.

In einem anderen Ort wollten wir "den Italiener" ausprobieren. Außer dem Namen "Olive Garden" erinnerte aber nur wenig an Italien. Und schon gar nicht der Wirt, der an Mark Ruffalo in seiner Rolle in der Serie "Task" erinnerte und ähnlich viel gute Laune verbreitete wie die Filmfigur. Das Essen selbst schmeckte, kann aber bestenfalls mit "an italienische Gerichte angelehnt" bezeichnet werden. Die Linguini mit Garnelen enthielten auch Salamistückchen und kein Italiener würde eine Soße mit Sahne und Pilzen als Carbonara anbieten.

Das alles ist aber nur eine hochgezogene Augenbraue wert, betrachtet man sich unser Erlebnis am vorletzten Abend unserer Tour. "Bizarr" ist das einzige Wort, das mir dazu einfällt und wovon ich im Folgenden schreibe, wäre besser in einer Stand-Up-Nummer aufgehoben, in der man zum Text auch das gesprochene Wort und die Mimik/Gestik nutzen könnte, um das Erlebte zu schildern. Ich versuche es dennoch in reiner Schriftform.

Cornwall - Ein Drama in zu vielen Akten

Handelnde Personen

Der Wirt

Die Gäste Lynda, Ian und Jochen

Ein junger Mann

Die Camperin

Erster Akt: Das Omen

Die Gäste haben im Internet ein Restaurant gefunden und wollen telefonisch einen Tisch für drei Personen reservieren. Ian wählt die angegebene Nummer. Es klingelt. Es klingelt mehrfach, es nimmt aber niemand ab. Ian beendet das Telefonat. Unmittelbar danach klingelt das Telefon. Der Wirt fragt, ob wir gerade versucht haben ihn zu erreichen. Ian bestätigt das und fragt wegen des Tisches.

Wirt: "Das sollte kein Problem sein, wenn ich den Schlüssel zum Restaurant finde."

Ian bedankt und verabschiedet sich. Die Gäste machen sich trotzdem auf den Weg.

Zweiter Akt: Das Omen II

Die Gäste erreichen die angegebene Adresse über eine ebenso unscheinbare wie unbefestigte Einfahrt. Linker Hand liegen mehrere verrostete Motoren neben einer Garage, in der ein Fahrzeug aufgebockt ist, das bis zur Unkenntlichkeit demontiert ist. Daneben liegt das Lokal. Ein junger, stämmiger Mann kommt aus der Garage. Er trägt ein T-Shirt dessen Aufdruck wohl das Gesicht einer Art Voodoo-Puppe darstellt, deren Augen kleine Kreuze sind. Aufgrund seiner Leibesfülle wirkt es aber eher wie die mit Tape abgeklebten Brustwarzen einer Go-Go-Tänzerin. Keine Ahnung, warum mir das auffällt. Der junge Mann geht nach rechts aus dem Bild. Die Gäste stellen das Auto ab und gehen zum Lokal. Der Gastraum versprüht den Charme eines Schwimmbad-Cafés aus den 70er Jahren.

Dritter Akt: Bestellung

Der Wirt hatte nicht gelogen, es ist kein Problem einen Tisch für drei Personen zu bekommen. Außer uns ist nur ein Gast anwesend. Eine Camperin mit Hund vom Platz nebenan.

Die Gäste setzen sich und studieren die Speisekarte. Singular. Es gibt nur eine. Vier Blätter auf einem Klemmbrett. Beides hatte schon bessere Zeiten gesehen. Lynda entscheidet sich für "Creamy Garlic Mushrooms", also eine Schale mit Pilzen in cremiger Knoblauchsoße, als Vorspeise und als Hauptspeise Fish & Chips. Mit der Gewandtheit eines Zweitklässlers notiert der Wirt die Bestellung und ist noch nicht ganz fertig, als Jochen Nachos als Vorspeise bestellt. Als der Wirt diese Vorspeise notiert hat, bestellt Jochen als Hauptspeise ebenfalls Fish & Chips. Der Wirt hält beim Schreiben plötzlich inne, der Blick unsicher, die Augen ins Leere gerichtet.

Wirt: Einen Moment, ich muss das mit der Küche klären.

Der Wirt verschwindet und die Gäste hören ein lautstarkes Gespräch zwischen dem Wirt und einer Frau. Die Frau ist lauter. Man hört nur Wortfetzen. "Falsche Karte" und "Freitag" kann man verstehen. Der Wirt kommt zurück und entschuldigt sich. Fisch gebe es nur am Freitag. (Anmerkung des Autors: In England, in einem Küstenort in dem die Menschen vom Tourismus und dem Fischfang leben).

Der Wirt bringt die gültige Speisekarte (wieder Singular) und vergleicht zunächst den Inhalt beider Listen. Sie unterscheiden sich nur im Punkt Fish & Chips. Hier ist das Gericht drauf, dort steht an jener Stelle ein "BBQ Chicken".

Der junge Mann mit dem komischen T-Shirt kommt ins Lokal, wechselt mit dem Wirt ein paar Worte und geht wieder nach draußen.

Vierter Akt: Bestellung II

Lynda bleibt bei Ihrer Vorspeise. Sie fragt, ob Sie vom Kindermenü "Bangers & Mash" bekommen könne. Kleine Schweinsbratwürste mit Kartoffelbrei, Bratensoße und ggf. Gemüse sind ebenfalls ein Klassiker der englischen Küche.

Wirt: Das sollte kein Problem sein.

Auch ich bleibe bei meinen Nachos und bestelle als Hauptspeise das erwähnte BBQ-Chicken. Nun darf auch Ian bestellen. Er entscheidet sich für eine Pizza. Der Grundpreis gilt für eine Pizza mit Tomatensoße und Mozzarella. Dazu kann man diverse andere Zutaten wählen. Völlig wertungsfrei sei erwähnt, dass Ian unter anderem Ananas wählt und der Wirt diese Info notiert, ohne mit der Wimper zu zucken. Jochen zuckt auch als er das hört. Nicht nur mit der Wimper. Neben Jalapeños soll auch "sausage", also Würstchen, auf die Pizza.

Fünfter Akt: Bestellung III

Bangers & Mash seien ausverkauft, informiert der Wirt die Gäste nach einer weiteren Diskussion in der Küche. Ob des Gesamteindrucks und der Zahl der Gäste fragt man sich, ob es nicht eher "abgelaufen" als "ausverkauft" heißen müsste, das spielt aber keine Rolle. Lynda muss erneut umdenken. Sie erfährt auf Nachfrage, dass es auch keine Garnelen gibt.

Lynda beharrt ein drittes Mal auf ihre "Creamy Garlic Mushrooms" und bittet um eine Portion Chicken Wings und Potato Skins (eine Beilage aus Kartoffeln) als Hauptspeise. Jochen behält Vor- und Hauptspeise bei. Ian informiert den Wirt, dass er die Pizza gerne gleichzeitig mit den anderen Hauptspeisen hätte.

Wirt: Oh, die Pizza ist schon in der Zubereitung.

Macht nichts, Hauptsache es gibt überhaupt noch etwas zu Essen. Den Gästen fällt auf, dass "sausage" auf der Pizza kein Problem zu sein scheint, "Bangers" aber ausverkauft sind. Sachen gibt's.

Der junge Mann mit dem komischen T-Shirt kommt ins Lokal, wechselt mit dem Wirt ein paar Worte und geht wieder nach draußen.

Sechster Akt: Das Essen

Jochen bekommt seine Vprspeise. Lynda bekommt ihre Vorspeise. Und Ihre Hauptspeise. Gleichzeitig. Ians Pizza kommt noch nicht. Die Schale mit den cremigen Knoblauchpilzen sieht unauffällig aus, die halbverbrannten Mini-Brötchen, die dazu gereicht werden, stechen hingegen sofort ins Auge. Sie passen farblich immerhin zu den Chicken Wings, die eher aus dem Krematorium als aus der Küche zu kommen scheinen.

Der Wirt kommt nochmals an den Tisch. Er steht seitlich zu den Gästen, als wolle er gleich weitergehen. Das wirkt komisch, weil neben dem Tisch nichts ist. Nicht mal andere Tische. Nur leerer Raum. Der Wirt dreht den Kopf zu Jochen.

Wirt: Sie hatten das BBQ-Hühnchen …

Jochen: Ja.

Wirt: Richtig!


Der Wirt dreht den Kopf zurück, denkt kurz nach (oder macht eine kurze Pause) und wendet sich dann an Ian.

Wirt: Und Sie möchten nichts essen?

Ian: Doch, die Pizza.

Wirt: Richtig!


Der Wirt geht zurück in die Küche. Er kommt wenig später mit dem BBQ-Chicken zurück. Der Wirt geht zurück in die Küche. Er kommt wenig später mit der Pizza zurück, die angeblich schon seit einer halben Stunde in der Zubereitung gewesen sein sollte. Auf der Pizza sind Jalapeños, das A-Wort und keine Würstchen, sondern Hackfleisch.

Die Gäste essen. Lynda hat Mühe der Schale mit "Creamy Garlic Mushrooms" den Löffel zu entreißen, um zu essen. "Sticky" wäre hier wohl die passendere Bezeichnung gewesen, erinnert die Konsistenz doch eher an etwas zu zähflüssigen Klebstoff.

Die Gäste beenden das Essen, der Wirt räumt das Geschirr ab. Der Wirt kommt ein weiteres Mal an den Tisch.

Wirt (murmelt kaum wahrnehmbar): Das macht dann 80 Pfund. Die Karte einfach hier ans Handy halten. Moderne Technik, nicht wahr?

Die Gäste bezahlen und verlassen das Lokal.

Was sonst noch passierte

Etwa eine Viertelstunde, nachdem wir ins Lokal kamen, hatte der Wirt die Idee das Licht einzuschalten. Die fortan blinkenden Lichterketten vermochten dem Raum aber keinen Charme zu verleihen. Bezogen auf die Optik der gereichten Speisen, wäre es wohl besser gewesen, das Licht auszulassen und Kerzen aufzustellen.

Während des Essens hatte der Wirt die Idee, Musik einzuschalten. Das klappte aber nicht, weil er erst dann merkte, dass der Wind wohl die Antenne vom Dach gerissen hatte.

Die erwähnte Camperin hatte ebenfalls Essen bestellt. Der Teller, den sie bekam, sah auch wie eine Zusammenstellung diverser Speisen aus der Karte aus. Sie aß einen Teil, nahm dann ihr Bier und ging für eine Zigarettenpause hinaus. Sie kam zurück und unterhielt sich mit dem Wirt und ihrem Hund. Etwas später wiederholte sich die Szene mit einem neuen Bier. Wobei sie dem Wirt dieses Mal mitteilte, sie werde ihr Essen später noch beenden. Obwohl sie Ihr Essen vor uns bekommen hatte, stand die Hälfte davon noch auf dem Tisch, als wir gingen.

Auf einer Tafel über der Bar wurden Shots angepriesen. Ihre Namen lauteten Qualle, Alien-Gehirn und Gehirnblutung. Wir haben uns keine bestellt.

Noch eine Bemerkung zum Schluss: Man könnte sagen, dass ich bei der einen oder anderen meiner Geschichten das eine oder andere Detail etwas übertreibe. In diesem Falle aber hat sich alles exakt zu zugetragen wie ich es beschrieben habe.
 

Anhänge

  • LeckerCornwall1.jpg
    LeckerCornwall1.jpg
    2,6 MB · Aufrufe: 87
  • LeckerCornwall2.jpg
    LeckerCornwall2.jpg
    2,3 MB · Aufrufe: 80
Das Remake von >Fawlty Towers< :ROFLMAO::ROFLMAO:

Mein lieber Jochen, kein Bedauern, denn schon in der Biebel steht >Bleibe im Lande und nähre dich redlich< ☠️
 
Wir im Sommer in Oberwiesenthal.
Nach dem ich dem Kellner (Wirt) 3 (drei) Speisen seiner Speisekarte vorgeschlagen hatte, diese aber alle abgelehnt wurden, trank ich ein Bier und speiste hernach BiFi im Teigmantel am örtlichen EDEKA.
Aber die Kohlebröckchen und die farblose Masse nach Art eines Fensterkittes haben auch ihren Charme :)
 
Ok, ich war jetzt noch nicht in Cornwall, aber ich musste in Großbritannien noch nie Hunger schieben. In den größeren Ballungsgebieten gibt es immer einen Nando's oder irgendetwas anderes Internationales. Und ich muss sagen, selbst die abgepackten Sandwiches an den Tankstellen, sind um Längen besser als das, was ich bisher in Deutschland bekommen habe. Ob ich allerdings eine Woche im Kreise einer britischen Familie kulinarisch überstehen würde, habe ich mich noch nie zu testen getraut. So ähnlich wird es wohl mit der Dorfgastronomie am Ende der britischen Welt sein ...
 
Einer meiner Arbeitskollegen ist gebürtiger Engländer, lebt aber seit rund 40 Jahren in Deutschland.
Seine Mutter lebte aber weiterhin in England.

Er hat regelmäßig in unserer Kantine gegessen und sich nie über das Essen beschwert.
Jetzt weiß ich auch warum! ;)

Zur Ehrenrettung unserer Kantine muss ich aber sagen dass das Essen dort (für Großküchenverhältnisse) überdurchschnittlich gut war.
Und ich habe verpflegungstechnisch 8 Jahre Bundeswehrverpflegung, rund 10 Jahre Uni-Mensa und knapp 28 Jahre Krankenhauskantine hinter mir, weiß also wovon ich rede.

In England war ich aber das letzte Mal als Jugendlicher vor rund 55 Jahren, die dortige Küche ist mir weder als besonders gut noch als besonders schlecht (eigentlich gar nicht) in Erinnerung geblieben.
Ich gehöre aber zu den Menschen die beim Essen notfalls gedanklich mehrere Gänge zurück schalten können und das dann so betrachten als würde ich mein Auto auftanken. :D
 
Notfalls gibt es Fish & Chips oder ein Sandwich. Gerade in Cornwall sollte es doch eigentlich Fisch geben. Aber Chmul mag vermutlich kein Fisch ... ;)
 
Ich hätte sehr gerne Fisch gehabt, aber den gab es - wie beschrieben - eben nur am Freitag.

Dafür gab's Cornish Pasties an jeder Ecke. Auch wenn die teilweise recht lecker sind, ersetzen sie eben keinen Restaurantbesuch.
 
Oben