Übliche Preissteigerung?

Schpaik

jeder nach seiner Façon
Teammitglied
Ich hätte da mal ne Frage.

Gestern Nacht hat mal jemand aus dem Nähkästchen geplaudert. Die Aussage war in etwa so:

"Das Produkt wird für 1,80 hergestellt, wir kaufen es für 2,00, verkaufen es für 3,60 und im Laden kann man es dann für acht Euro finden."


Das es bei jedem Zwischenhändler einen Aufschlag gibt (geben muss), ist mir klar. Aber sind solche Dimensionen tatsächlich real?
 

Norbert

Moderator
Teammitglied
Moin Schpaik,

Aber sind solche Dimensionen tatsächlich real?
Die sind teilweise sogar noch viel schlimmer als in deinem Beispiel, und da brauche ich noch nicht einmal die angeknabberte Baumfrucht zu erwähnen, sondern nur auf diesen Thread von RollerChris hinzuweisen:

Gesucht: Ein spezielles USB-Kabel für med. Gerät
Da ist das Fallobst ja noch ein Waisenknabe dagegen.

65 Euro für ein simples USB-Adapterkabel mit handelsüblichem Klinken- und USB-A-Anschluss für wenige Cent? Die sind doch mittlerweile total von der Rolle in der Pharmaindustrie. Übrigens kenne ich da noch einen Fall, finde aber den Link nicht mehr. Irgendwo hatte ich meine Maus/Tastatur-Kombi (siehe "Mein System") in der Sonderfarbe weiß für medizinisches Zubehör entdeckt, zu einem Preis von sage und schreibe weit über 500 oder 600 Euro! In der Standardfarbe schwarz hatte ich dafür vor Jahren nur ~80 € im normalen Handel bezahlt.
 

Grainger

Praktizierender Atheist
Ich gehe inzwischen davon aus, dass die meisten Produkte für den Hersteller einen Selbstkostenpreis von maximal ca. 20% des Endkundenpreises haben. Das schließt auch den Automobilsektor ein (anders sind die immer neuen Rekordgewinne von beispielsweise VW auch nicht erklärbar).

Im bestimmten Marktsegmenten (Medizin, Nobelmarken, Lifestyleprodukte, usw.) dürfte diese Differenz noch deutlich stärker ausgeprägt sein.

Bis in der "Wertschöpfungskette" Hersteller -> Importeur -> Großhändler -> Einzelhandel -> Endverbraucher (nur ein Beispiel, manchmal sind es noch mehr oder auch weniger Zwischenhändler) jeder seinen Reibach gemacht hat, hat sich der Produktpreis für den Endverbraucher mehrmals verdoppelt. Und natürlich die Steuern, Abgaben und Zölle nicht vergessen, manche Produkte sind damit gleich mehrfach belastet.
 

chmul

Moderator
Teammitglied
In der Lüftungsbranche ist es so, dass häufig auf den Listenpreis noch massive Rabatte gewährt werden (müssen). Das wird natürlich in den Endpreis eingerechnet damit es am Ende funktioniert. In der Lebensmittelindustrie fallen Tonnen von Ware an, die nicht mehr verkauft werden kann, weil das MHD abgelaufen ist. Solche Kosten müssen ebenfalls einbezogen werden. Und es gibt noch viele andere Punkte, die über die einfache Rechnung "Gewinn = Verkaufspreis minus Herstellungskosten" hinaus gehen.

Außerdem gibt es in allen Stufen der Wertschöpfungskette im Regelfall Menschen, die arbeiten und dafür Geld haben wollen. Dass manchmal gnadenlos übertrieben wird, ist keine Frage. Andererseits bewegt man sich da auf einem schmalen Grat. Wie viel darf etwas kosten ohne dass an einer Stelle maßlos hoher Gewinn erzielt wird und wie viel muss man einfach dafür bezahlen, damit alle beteiligten Menschen wenigstens noch überleben können.

Ich habe kein Problem damit, dass VW den Golf zu einem Preis anbietet, der wesentlich höher liegt, als die Konkurrenz, weil ich mir Alternativ einen Dacia kaufen kann. Selbiges gilt für Duschgel oder Klamotten. Kritischer sehe ich die Sache allerdings in Bereichen, in denen ich eben keine Alternative habe. Das Gegenmittel wären staatliche Eingriffe, die für mich aber wirklich nur in Sonderfällen akzeptabel sind.
 

Duftie

assimiliert
Meine Tochter hat letztens ihren Haarreif zerbrochen. Als ich dann so in einem großen Supermarkt vor diesen Plastikteilen stand, fing meine Halsschlagader wild an zu pochen.
Die Herstellungskosten für so ein Teil liegen im Cent-Bereich (die Haltbarkeit im Millisekunden-Bereich :D), verkauft werden die Teile für teilweise über 3€. Das hört sich zunächst nach einem geschmeidigen Gewinn an (grob gerechnet 30000%, wenn ich mich nicht vertan habe).

Wenn man dann aber die Kosten für Maschinen, Verwaltung, Logistik, Vertrieb, Zwischenverkäufer, Personal im Supermarkt, Miete, Steuern etc. dagegen setzt, sieht es schon wieder ganz anders aus. Dazu kommt dann noch Ladendiebstahl und mögliche Beschädigungen an der Ware, die bei langer Vorratshaltung nie ganz zu vermeiden sind.

Es ist eben so, dass man viele Produkte durch industrielle Herstellung sehr günstig produzieren kann, danach in Relation zur eigentlichen Herstellung aber sehr hohe Kosten bis zum Kunden anfallen.
 

QuHno

Außer Betrieb
19% Umsatzsteuer, zwischen 7% und 14% effektiv Gewerbesteuer auf den Gewinn eines jeden beteiligten Unternehmens oder Händlers, Lohn/Einkommenssteuer für jeden beteiligten Arbeitnehmer, Sozialabgaben, Miete/Pacht/Abtrag/Instandhaltung für Lager, Produktionsgeräte etc. (Investition) ...

... und für die Steuern gibt es dann als Augleich Straßen, Krankenhäuser, Schulen, Polizei, Kanalisation, Stadtverwaltungen ...
 

Rev. Bumszack

treuer Stammgast
Neben all den hier bereits aufgezählten Preisingredienzien gibt es genau EINE Kalkulationsformel: Jedes Produkt kostet exakt soviel, wie irgend jemand bereit ist, dafür zu bezahlen.
Läßt sich auf jedem Flohmarkt mit etwas Geduld lernen. ;)
 

Schpaik

jeder nach seiner Façon
Teammitglied
Jedes Produkt kostet exakt soviel, wie irgend jemand bereit ist, dafür zu bezahlen.

Ich finde es viel gruseliger, dass das anscheinend auch für die Kunst gilt. Völlig egal, welcher Scheiß, Dreck, Unsinn, Schmiererei, welche Form produziert wird, es gibt anscheinend immer einen Deppen, der in den höheren Kreisen darin in irgendeiner Form Kunst sieht. Anstatt sich an Menschen zu richten aus der Nachbarschaft, die Kunst sind und Kunst leben, müssen "Gemälde" hervorgehoben werden und haben dann auch noch wert. *Kopfschüttel*

Sorry... ich schweif ab.....
 

Schpaik

jeder nach seiner Façon
Teammitglied
Letztens im Fernsehen mitbekommen:

Kokain: Produktionskosten -> Verkaufspreis = Gewinnspanne rund 60.000%

Viagra: Produktionskosten -> Verkaufspreis = Gewinnspanne rund 161.000%
 
Letztens im Fernsehen mitbekommen:

Kokain: Produktionskosten -> Verkaufspreis = Gewinnspanne rund 60.000%

Viagra: Produktionskosten -> Verkaufspreis = Gewinnspanne rund 161.000%


@Schpaik
.... jetzt weißt du, warum es in unserem Land, Dealer, Zuhälter, Abzocker (bes. "Systemrelevanten" Banken) & Parteien blendend geht.


Schönes Wochenende! ^^
 

Zweierpotenz

schläft auf dem Boardsofa
Jeder will Gewinn machen - jeder hat das Ziel, dass er morgen genau so gut leben kann wie heute (vielleicht noch ein wenig besser) und seine Vorräte ihn gut durch schlechte Zeiten bringt, falls solche eintreten. Bei den meisten Menschen hat man ein gewisses Verständnis dafür, man will es ja selbst nicht anders.
Geht es um Firmen und deren Besitzer / Aktionäre, sieht das schon anders aus - was aber auch daran liegen mag, dass aus dem normalen Bedürfnis Gier geworden ist.
Wie diese Gier aussieht, kenne ich aus drei Fällen, deren Informationen nicht nur aus Hörensagen bestehen, sondern direkten Quellen.

Es gibt hier einen Medienkonzern, für den ich schon in den 70ern als Schüler gejobt habe und auch später.
In den 70ern gab es Musikkasetten. Deren Preise (in DM) sahen so aus:
Eine nackte, bespielte Kassette: 0,08
Aufkleber auf Kassette, bedrucktes Inlay, Kasettenhülle drum herum, in Folie einpacken, Kassette auf einen Blister schweißen, in Kartons verpacken, zu den Filialen transportieren, Tantiemen: 1,82
Verkaufspreis: 9,95
Ende der 90er (als es den Firmen allen zu gut ging) wurde eine der vielen Firmen dieses Konzerns abgestoßen, weil 18% Reingewinn einfach nicht genug waren.

Vor rund fünf Jahren (große Weltwirtschaftskrise) stellte sich ein Unternehmer vor seine 300+ Mitarbeiter und drückte durch, dass unbezahlte Überstunden gemacht werden bei gleichzeitiger Kürzung der Gehälter, um die Firma vor dem Untergang zu retten. Nahezu gleichzeitig kaufte er privat Kunstgegenstände in zweistelliger Millionenhöhe.

Natürlich sind das Negativbeispiele.
Wenn ihr in einen normalen Laden geht, sollte es klar sein, dass für die Ware im Einkauf 10 - 50% vom Verkaufsspreis bezahlt wurde. (Es geht sogar noch extremer: Euer 200€ Brillengestell hat im Einkauf wahrscheinlich nicht einmal 1€ gekostet.)
Doch der Einzelhandel hat andere Rechnungsgrundlagen. Wenn ihr eine Klamotte kauft, habt ihr die Aufmerksamkeit des Verkäufers. Er berät und hilft. Seine Arbeitszeit ist im Preis eingerechnet. Von der Hose, die man gekauft hat, hat der Laden 40 Stück in 20 Größen. Wenn es nur wenigen Kunden gefällt, bleibt er auf der Hälfte der Hosen sitzen und wird sie selbst im Schlussverkauf nicht los.
 

Grainger

Praktizierender Atheist
Eine Bekannte von mir arbeitet in einer Pflegeeinrichtung, die sich irgendwie in kirchlicher Trägerschaft befindet, aber einen Haustarifvertrag anwendet (das genaue Konstrukt kenne ich nicht, aber irgendeine Stiftung ist wohl auch noch beteiligt).
Da ist man letztes Jahr auch vor die Belegschaft getreten und hat den Leuten erzählt, sie müssten entweder freiwillig ganz oder teilweise auf die Jahressonderzahlung (Weihnachtsgeld) verzichten oder damit rechnen, dass man Stellen abbauen müsse.
Unbezahlte Überstunden waren scheinbar zuvor schon die Regel.

Natürlich hat sie mir erst davon erzählt, als sie schon auf ihr Weihnachtsgeld verzichtet hatte.

Als ich sie fragte, was sie denn als Gegenleistung bekommen habe, hat sie mich mit großen Kuhaugen angeglotzt.
Ich habe ihr dann erklärt, dass ich persönlich es eigentlich gewohnt bin, für mein Geld auch irgend etwas zu erhalten.
Und wenn ich schon freiwillig auf mein Weihnachtsgeld verzichtet hätte, würde ich beispielsweise eine schriftliche einzelvertragliche Vereinbarung erwarten, dass ich für den Fall notwendiger betriebsbedingter Kündigungen für einen Zeitraum von 12-24 Monaten (Verhandlungssache) davon ausgenommen bin.

Sollen sie doch erst einmal die kündigen, die auf nichts verzichtet haben.

Aber weder sie noch ihre Kollegen haben sich irgend etwas für den Verzicht ausbedungen oder irgendwelche Zusicherungen erhalten. Sie werden also im Falle eines Falles nicht besser behandelt als diejenigen, die nicht verzichtet haben. Schön blöd!

Ich möchte wetten, dass z.B. trotz des angeblich notwendigen Verzichts auf das Weihnachtsgeld diejenigen Beschäftigten, die außer- oder übertariflich bezahlt werden, weiterhin ihre übertariflichen Zulagen behalten haben! Die Führungsebene (Vorstand, Aufsichtsrat, Stiftungsrat, Geschäftsführung, usw.) wird erfahrungsgemäß ebenfalls auf nichts verzichten.
 

Supernature

Und jetzt?
Teammitglied
Dass es gerade bei Medikamenten mitunter schamlose Abzocke gibt, ist unbestritten - man muss sich ja nur mal anschauen, was in Deutschland hergestellte Medikamente im Ausland kosten, und da müssen sie erst noch hin transportiert werden.

Trotzdem muss ich immer schmunzeln, wenn um die Herstellungskosten Skandale gestrickt werden.
Man darf nicht nur darauf schauen, was es kostet, ein Produkt aus seinen Komponenten zusammen zu setzen, sondern muss auch die Kosten berücksichtigen, die das Unternehmen hatte, bis es das Produkt erstmals unter Serienbedingungen produzieren konnte. Das gilt von der Kopfschmerztablette übers Smartphone bis zum Auto.
 

Grainger

Praktizierender Atheist
Bei manchen Medikamenten (z.B. Acetylsalicylsäure) müssen sich die Entwicklungskosten aber schon lange amortisiert haben.
Schließlich hat Bayer den Handelsnamen Aspirin schon vor mehr als 100 Jahren eingeführt.

Das ein Produkt auch Entwicklungskosten hat ist unbestritten. Das die sich über den Preis refinanzieren müssen ebenfalls.

Bei einer vernünftigen Kalkulation ist das aber alles im Selbstkostenpreis drin, ebenso wie Abschreibungen auf Maschinen, Gebäude, Flopquote neuer Produkte, Werbung, usw.
Wenn aber ein Produkt für ein vielfaches seines Selbstkostenpreises an den Endverbraucher geht (und dazu noch über möglichst viele Zwischenhändler, die alle ihren Reibach machen), so liegt der Verdacht der Abzocke doch schon sehr nahe.
 

QuHno

Außer Betrieb
Bei manchen Medikamenten (z.B. Acetylsalicylsäure) müssen sich die Entwicklungskosten aber schon lange amortisiert haben.
Schließlich hat Bayer den Handelsnamen Aspirin schon vor mehr als 100 Jahren eingeführt.

Das ein Produkt auch Entwicklungskosten hat ist unbestritten. Das die sich über den Preis refinanzieren müssen ebenfalls.
Und dass ein sich gut verkaufendes Aspirin die Forschung für andere Medikamente mitfinanziert, ebenfalls.

Wenn das nicht der Fall wäre, gäbe es keine Medikamente für seltenere Krankheiten, weil es sich einfach nicht lohnen würde, diese zu erforschen und entwickeln, da diese teilweise niemals ihre Kosten einspielen. Auch Forschung, die zuerst vielversprechend aussah, kann zu einem unbefriedigenden Ergebnis führen (sprich: war im Tierversuch toll, wirkt aber bei Menschen mehr so gar nicht - weiß man aber erst, nachdem man alles andere schon durch entwickelt und die grundsätzliche nicht-Tötlichkeit nachgewiesen hat, bevor man erste Tests an Menschen vornehmen darf) und dennoch genau so teuer gewesen sein, wie die für ein erfolgreiches Medikament.

Nichts desto trotz geht es der Pharma-Industrie nicht wirklich schlecht, aber mal ehrlich: Wer will schon, dass es ihr schlecht geht? ;)
 
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