New York (dpa) - Auf Nicolas Kiefer wartete ein Rollstuhl, Rainer Schüttler hinkte mit verbundenem Oberschenkel vom Platz. Die deutschen Tennis-Profis geben bei den US Open in New York nicht nur wegen ihrer körperlichen Verfassung ein Bild des Jammers ab.

Von zwölf gestarteten Profis sind acht ausgeschieden. Nur Martina Müller (Hannover) und Anca Barna (Nürnberg) erreichten am zweiten Tag und erstmals in ihrer Karriere die zweite Runde beim Grand-Slam-Turnier in Flushing Meadows. Thomas Haas und Alexander Popp griffen erst am Mittwoch ins Geschehen ein.

Kiefer und Schüttler befinden sich beim Turnier der Schmerzen in leidender Gesellschaft. Noch vor Abschluss der ersten Runde wurde in New York ein trauriger Rekord aufgestellt. Wegen Krämpfen, verdrehten Knien, gerissenen Muskelfasern, ja auch Kopfschmerzen warfen sieben Herren, aber nicht eine Dame, in ihrem Erstrunden-Match das Handtuch. Das ist Grand-Slam-Rekord. 1998 meldeten die Spieler bei den Australian Open über das ganze Turnier hinweg acht Aufgaben. Einen Australier traf es im übrigen am härtesten. Mark Philippoussis, dessen Karriere nach drei Operationen bereits am seidenen Faden hing, verletzte sich erneut schwer am lädierten linken Knie.

Bei Rainer Schüttler ging bei einer 6:3, 7:6 (7:2), 4:2-Führung im dritten Satz plötzlich so gut wie nichts mehr. «Beim zweiten Aufschlag ist mir wie aus heiterem Himmel der Schmerz in den Muskel gefahren. Danach habe ich kein Spiel mehr gewonnen», berichtete der Bad Homburger. Bei einem 0:4-Rückstand im vierten Satz gab er auf. Die erste Diagnose: Muskelfaserriss im linken Oberschenkel. «Ich hoffe nicht, dass dadurch meine Daviscup-Teilnahme gefährdet ist», sagte Schüttler. Das Abstiegsspiel zwischen Deutschland und Venezuela findet in drei Wochen in Karlsruhe statt.

Nicolas Kiefer wurde gegen Ende seines viereinhalb Stunden dauernden Marathon-Matches gegen den Russen Marat Safin von Krämpfen in beiden Beinen geschüttelt. Doch Aufgeben war das Letzte, was dem Holzmindener in den Sinn gekommen wäre. «Ich wollte es zu Ende bringen. Aber meine Beine gingen nicht mehr dorthin, wo mein Kopf sie hinhaben wollte», sagte der 25-Jährige.

Kiefer, von Rang vier in der Weltrangliste auf Platz 64 abgerutscht, hatte dem an Nummer zwei gesetzten US-Open-Sieger von 2000 beim 3:6, 6:4, 6:4, 4:6, 6:7 (4:7) einen großen Kampf geliefert und sein bestes Tennis in diesem Jahr gespielt. Beim Stand von 6:3 im Tiebreak waren Kiefers Beine wie Streichhölzer weggeknickt, doch er rappelte sich noch einmal auf und bereitete den Qualen ein würdiges Ende. Dass umsichtige Helfer im Kabinengang zwei Rollstühle für die ausgepumpten Spieler bereitgestellt hatten, quittierten beide mit einem Lächeln. «Ich hoffe nicht, dass es einmal so weit kommt, dass wir hinausgefahren werden müssen», sagte Safin.

Die Dramaturgie auf dem Center Court war so ganz nach dem Geschmack der Amerikaner. Mit Jubelstürmen begleiteten sie ihren Helden Nicolas Kiefer aus dem Arthur-Ashe-Stadion. Er machte Platz für die Titelverteidiger Venus Williams (USA) und Lleyton Hewitt (Australien), die ihre Gegner im Schongang besiegten. Zum Spieler des Tages wurde jedoch Kiefer gewählt. Ein schwacher Trost für einen, der bei den US Open schon im Viertelfinale stand. Das war vor zwei Jahren. Und gestoppt wurde er auch damals von Marat Safin, der anschließend seinen bislang einzigen Grand-Slam-Titel gewann. Für Kiefer ging es danach stetig bergab. Nun soll erneut ein Match gegen Safin zum Wendepunkt werden: «Ich bin wieder da.»