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Alt 08.07.03, 15:27   #3 (Permalink)
AlterKnacker
 
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Bemerkenswerter Fund von Resten einer Steinlaus (Petrophaga lorioti) im Magen einer Myotis myotis aus der Teufelshöhle bei Steinau

von Dr. M. Natterer, Friedberg-Fauerbach

In einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekt des Veterinärmedizinischen Instituts der Justus Liebig-Universität in Gießen, wird das "Räumlich differenzierte Ernährungsverhalten von Chiroptera und daraus abgeleitete ökologische Indikatoren in einer multivariaten Verteilung" untersucht. Im Rahmen dieser Forschungen werden vom Autor stichprobenartig gastro-endoskopische Untersuchungen von Fledermäusen verschiedener Quartiere durchgeführt. Aus Gründen des Fledermausschutzes mußte die Anzahl der Untersuchungen minimiert werden. Zur Erhöhung der Validität kleinster Datenmengen soll daher eine statistische Anpassung mittels Datenanreicherung nach Parkinson durchgeführt werden. Eine solche unter Betäubung durchgeführte Untersuchung am 10.04.1996 zeigte als Mageninhalt einer weiblichen Myotis myotis (Großes Mausohr) aus der Teufelshöhle bei Steinau neben fragmentarischen Insektenresten auch den relativ gut erhaltenen, etwa 0,9 cm langen Hinterleib einer mask. Petrophaga lorioti (juv.). Es handelt sich dabei um einen Erstfund in Deutschland und außerhalb des Alpenraumes. In der Höhle selbst konnten die sehr scheuen Tiere nicht beobachtet werden, allerdings wurden im tagfernsten Höhlenteil von dünnen calcitischen Krusten (10-30 µm) übersinterte Nagespuren in Bodennähe entdeckt (DFG 1996).

Obwohl der volkstümliche, aus dem Mittelalter stammende Name Steinlaus an ein Insekt denken läßt, wird Petrophaga lorioti (wörtlich: Steinfresser) als Rodentia (Nagetier) der Familie der Lapivora eingeordnet (Pschyrembel 1990:1583).

Die sehr flinken und ausgewachsen (ohne Schwanz) etwa 20-24 mm langen, nur schwach behaarten Tiere galten lange Jahre als ausgerottet, da ein neuzeitlicher Lebendfund erst im Jahre 1983 in einer Karstspalte in den Französischen Alpen in einer Höhe von 1.450 m ü. NN geglückt ist. Steininger (1983) ordnete sie anhand mittelalterlicher Beschreibungen und eigener Beobachtungen vorläufig als troglophil ein.

Noch im Hochmittelalter war das Tier im Alpenraum bekannt und spielte womöglich auch eine Rolle als Schutz-Symbol im frühen Bergbau (Stolle 1977, König 1968) und wurde sogar in einem bedeutenden Spielmannsepos verewigt (Chiyang 1970). Die seit dem Pliozän in Form von Koprolithen nachgewiesene Tierfamilie (Semmel 1966) wurde seit rund 1.000 Jahren nicht mehr lebend beobachtet und galt schließlich als ausgestorben (Bender 1944). Möglicherweise war es eine Infektionskrankheit, welche durch das Vordringen der Zivilisation nahezu die gesamte, ohnehin instabile und nur sehr kleine und verstreute Population relativ rasch dahinraffte (Mortal 1985:47).

Renault (1984) beobachtete mittels einer hochauflösenden Spektralkamera, daß die Tiere Kalkgesteine unter Beteiligung eines stark acidischen Sekrets aus Drüsen der Nasenschleimhäute anlösen und anschließend mit ihren Schneidezähnen abschaben. Daß dabei aus dem Karbonat freiwerdende CO2 wird offensichtlich zum Teil aufgenommen und unter Beteiligung noch nicht bekannter Prozesse metabolisiert. Die Annahme von Steininger (1983), daß die Lösungsrückstände eine wesentliche Ernährungskomponente darstellen, deckt sich mit den Beobachtungen von Renault (1984), der Petrophaga lorioti in Kleinhöhlen stark bituminöser und detritusreicher Stinkkalke beobachtete, welche eine nahrhafte Ernährungsgrundlage bieten. Tonige Kotkugeln und Mikrorillen (ca. 0,4 mm Breite) auf Gesteinsoberflächen von den scharfen Schneidezähnen sind unverwechselbare Hinweise für die Anwesenheit der Tiere. Inwieweit Petrophaga lorioti an höhlenbildenden Prozessen in Karbonatgesteinen beteiligt sein kann, ist noch gänzlich unerforscht.

Obwohl diese weitestgehend unbekannten und außergewöhnlichen Nager den strengsten Artenschutzbestimmungen unterliegen, werden seit ihrer Neubeschreibung im Jahre 1983 in zwei Labors pharmazeutischer Unternehmen Untersuchungen des petrolytischen Sekrets an Nachzüchtungen durchgeführt. Im Mittelpunkt steht dabei die Entwicklung eines humantherapeutischen Einsatzes bei Nieren- und Gallensteinen (Pschyrembel 1990).

Sollten weitere Untersuchungen die Teufelshöhle tatsächlich als Habitat von Petrophaga lorioti bestätigen, so ist eine umgehende Schließung des Schauhöhlenbetriebes zwingend geboten.

Literaturverzeichnis:

Bender, G. (1944): Kompendium der im Alluvium und Diluvium ausgestorbenen Wirbeltiere Mitteleuropas.- 483 S.; Jena
Chiyang, S. (1970): Ein dialektischer Diskurs zur Steinlaus als emanzipatorisches Leitmotiv in der Urfassung des mittelhochdeutschen Spielmannsepos "Dialogus Salomonis et Marcolfi".- Germanist. Fakultät d. Univ. Köln [unveröff. Magister-Arb.]
Deutsche Forschungsgemeinschaft [Red.: M. Natterer] (1996): Erfahrungen mit gastro-endoskopischen Untersuchungen bei Chiroptera. Zwischenbericht zum Projekt "Nahrungsverhalten von Chiroptera und daraus abgeleitete ökologische Indikatoren in einer multivariaten Verteilung" [in Vorbereitung].
König, M.E. (1968): Zoomorphe Bergbausymbole in den Alpen.- Sonderheft zur Zeitschrift "Montanarchäol. Nachr.", 11: 1-142; Wien
Mortal, I.M. (1985): Untersuchungen zur Infektiosität verschiedener bodenresistenter Stämme von Enterococcus bei Petrophaga lorioti.- Journ. Letal Experiments, 1 (3): 38-48
Pschyrembel Klinisches Wörterbuch (1990).- 256. Aufl., 1876 S.; Berlin

Renault, A. (1984): Sur la Nutrition des Pétrophages.- Rev. Scient. Zoologique, 38: 57-89; Paris

Semmel, A. (1966): Koprolithen von Petrophaga lorioti in einem pseudeovergleyten Paläoboden der jungpliozänen Lahnterrasse bei Diez.- Notizbl. Hess. L.-Amt Bodenforsch., 94: 67-68

Steininger, F. (1983): Ein Lebendvorkommen von Petrophaga lorioti in den Franz. Alpen (Vercors) entdeckt.- Spektrum d. Zoologie, 38: 243-247

Stolle, N. (1977): Fund eines bronzenen Steinlaus-Idols im frühmittelalterlichen Zinkbergbau der Grube "Alte Schlinck" bei Feuchtwiesen (Allgäu).- Archäol. Mitt. Breg. Akad. Altertumskde., N.F., III/4: 209-211; Bregenz
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